Editorial 1-2024 deutsch
published online on 22.04.2024https://doi.org/10.34045/SEMS/2024/3
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Safeguarding, together we stand, divided we fall

Boris Gojanovic1,2,3, German E. Clénin3,4
1 Hôpital de La Tour, Swiss Olympic Medical Center, 1217 Meyrin, Switzerland
2 Sport & Exercise Medicine Switzerland (SEMS)
3 Health4Sport, Bern, Switzerland
4 Sportmed. Zentrum Ittigen b. Bern, Switzerland

“Together we stand, divided we fall” – Roger Waters, Pink Floyd

Der Schweizer Missbrauchsskandal im Sport ist nun fast 4 Jahre her. Das ist eine lange Zeit, könnte man sagen. Dabei kommt es wohl auf den Blickwinkel an. Für einen Athleten, der in seinem täglichen Sportumfeld mit Grenzverletzungen konfrontiert ist, fühlt sich diese Zeitspanne mit Sicherheit wie eine Ewigkeit an. Für Sportverbände ist diese Zeit­spanne vielleicht vertrauter und akzeptabler, vergleichbar mit einem olympischen Zyklus. Wie empfinden Sie es?
Im Oktober 2023 hat Sport & Exercise Medicine Switzerland (SEMS) «Safeguarding» als Hauptthema für den jährlichen SEMS-Kongress gewählt. Aufgrund der Dringlichkeit, gute Lösungen zum Schutz der Gesundheit und des Wohlbefindens der Athleten zu finden, hat SEMS die inhaltliche Gestaltung des Kongresses in die Hände der Gruppe Health4Sport (H4S) gelegt, dem Zusammenschluss von Ärzten, Physiotherapeuten, Psychologen und Ernährungsberatern im Schweizer Sport. Dank dem Engagement und den Kontakten der H4S-Mitglieder konnten wir viele der wichtigsten nationalen und internationalen Stakeholder im Bereich des Safeguarding im Sport als Referenten gewinnen und dies wurde mit einer Rekordteilnehmerzahl von über 400 Personen belohnt.
Der Inhalt dieser Ausgabe über Safeguarding im Sport wurde durch die Präsentationen und Diskussionen in Interlaken inspiriert, und wir sind all jenen sehr dankbar, die sich trotz ihres vollen Terminkalenders die Zeit genommen haben, hierzu beizutragen. Zuerst möchten wir unseren internationalen Gastreferenten des Kongresses und den Autoren Nicola Phillips (Cardiff University, Wales, UK), Margo Mountjoy (IOC Working Group on the Prevention of Harassment and Abuse in sport) und Chiel Warners (Safe Sport International) danken. Gleichermassen sind wir Swiss ­Olympic (Ethikgruppe) und Swiss Sport Integrity sehr dankbar, dass sie uns mit Updates und aktuellen Informationen aus der Schweiz versorgen. Darüber hinaus finden Sie wertvolle Inhalte aus der Sportpsychologie (Hindi & Chappuis, Piffaretti et al.), der Psychiatrie (Schmidt et al.) und der Sportmedizin (Schaub et al.).
Tauchen Sie auch ein in die Interviews mit den beiden Juristen des Kongresses (Thilo Pachmann und Bettina Aebi) und studieren Sie die Meinung von Swiss-Coach-Präsidentin Andrea Zryd.
Wir haben auch die gesamte Podiumsdiskussion aus Interlaken aufgezeichnet, die von Joelle Flück (Swiss Sports Nutrition Society) moderiert wurde.

Beginnen Sie mit dem WARUM und lesen Sie die Athletenstimme von Marine Winckelmann

Als Kliniker reflektieren wir für uns regelmässig, warum wir tun, was wir tun. Das Erhalten von Gesundheit und Wohlbefinden ist in unserer Arbeit wichtig. Gleichzeitig anerkennen wir das auf den ersten Blick Reizvolle an der sportlichen Leistung, welche in akzeptablem Gleichgewicht mit diesen beiden Schlüsselelementen für alle Menschen stehen muss: Gesundheit und Wohlbefinden.
In einem sehr eindrücklichen Brief schildert die ehemalige Eliteturnerin ihre Erfahrungen und führt uns die Folgen eines toxischen Sportumfelds vor Augen. Ausserdem gibt sie Ärzten einige kritische Ratschläge: «Was ich wirklich brauchte, war, dass die Gesundheits-Fachpersonen […] mir sagten, dass es verständlich sei, sich in diesem Kontext so zu fühlen, aber dass dieser Zustand nicht normal sei und dass sie mir helfen würden, ihn zu überwinden.»
Wir sind uns alle einig, dass kein junger Sportler das Gefühl haben darf, dass er von denjenigen, die sich um seine Gesundheit und sein Wohlbefinden kümmern müssten, im Stich gelassen wird.

Wir können unsere Augen nicht vor komplexen Problemen verschliessen

Die Lösung des ethischen Problems im Sport ist keine leichte Aufgabe. Niemand hat je behauptet, dass es einfach sei. Es gibt so viele Bereiche, die angegangen werden müssen, wie die 13 Punkte von H4S zeigen. Aber wir dürfen uns nicht vor der Komplexität scheuen. Sie muss einfach aufgeschlüsselt werden. Denn so wird es möglich, systematisch Schritte in die richtige Richtung zu machen.
Dazu gehört natürlich die Ausbildung aller Beteiligten. Von den Ärzten bis zu den Trainern, von den Eltern bis zu den Sportlern, von den Verbänden bis zu den Sportmanagern und vielen anderen. Doch vor allem muss es eine gemeinsame Vision aller Beteiligten geben. Eine, die die Welt des Sports vereinen kann. Kein Sportler sollte Opfer irgendeiner Form von Missbrauch werden. Und während wir uns auf die Athleten konzentrieren müssen, insbesondere wenn es sich um Minderjährige handelt, dürfen wir nicht vergessen, dass es auch Opfer in den anderen Akteursgruppen im Sport geben kann.
Eine gemeinsame Vision kann dazu beitragen, Projekte und Massnahmen aufeinander abzustimmen, Synergien und interdisziplinäre Kompetenzen zu nutzen, und dafür setzt sich das SEMS zusammen mit Health4Sport ein. Der Rest liegt in unseren und eben auch Ihren Händen.

Das könnten Ihre nächsten Schritte sein

  • Wenn Sie nicht am Kongress teilnehmen konnten, sind wir zuversichtlich, dass diese Sammlung von Artikeln Ihnen ­einen guten Überblick über die wichtigsten Bereiche geben wird. Wir laden Sie ein, das Journal sorgfältig durchzulesen. Und vielleicht entdecken Sie Möglichkeiten, wo Sie ganz persönlich einen Beitrag leisten können.
  • Informieren Sie sich jetzt über Schutzmassnahmen (die IOC-Website bietet gute Ressourcen), machen Sie sich mit der Charta für Ethik im Sport (Abbildung), den Statuten von Swiss Olympic über Ethik im Schweizer Sport [1] und der Ethik-Charta des SEMS vertraut.
  • Beginnen Sie damit, bei Ihren Beratungen einfache Fragen zur psychischen Gesundheit zu stellen (verwenden Sie die Fragebögen, die von der SEMS für die SPU erstellt wurden, siehe Artikel von Schaub et al.).
  • Sie können sich bei örtlichen Sportvereinen über deren Vorgehensweise beim Safeguarding erkundigen und, falls gewünscht, Ihre Hilfe anbieten.
  • Arbeiten Sie interdisziplinär? Mit Sportphysiotherapeuten, höchstwahrscheinlich. Was ist mit Sportpsychologen und Ernährungsberatern? Wenn nicht, suchen Sie sich einen oder zwei und beginnen Sie mit der Zusammenarbeit.
  • Wenn die Symptome und Beschwerden eines Sportlers etwas seltsam sind, wenn Sie das Gefühl haben, dass es eine psychosomatische Ursache gibt, wenn die Dinge einfach nicht so laufen, wie man es von einem Sportler erwarten würde, ohne dass es dafür eine offensichtliche Erklärung gibt, dann denken Sie an möglichen Missbrauch und fragen Sie nach.
  • Wenn sich jemand auch nur im Geringsten über eine heikle Situation äussert, die gegen ethische Normen verstösst, lassen Sie ihn nicht im Stich. Hören Sie gut zu und ergreifen Sie Massnahmen. Swiss Sport Integrity kann Ihnen helfen, rufen Sie dort an.

Vier Jahre sind nun schon seit den ersten Schweizer Medienberichten über Missbrauch im Sport vergangen, doch Verstösse gegen Schutzprinzipien und Ethik im Sport sind noch älter als diese. Man kann von uns nicht verlangen, dass wir die Verantwortung für das übernehmen, was in der Vergangenheit geschehen ist. Aber wir müssen gemeinsam die Verantwortung für das übernehmen, was von jetzt an kommt. Eine Zukunft für den Sport, in der die von H4S geförderte Vision den Athleten und ihrem Umfeld helfen kann, sich zu entfalten:
«Alle Athletinnen und Athleten in der Schweiz können ihren Sport in bestmöglicher geistiger und körperlicher Gesundheit, leistungsorientiert, mit Freude und Leidenschaft ausüben und sind gut und nachhaltig vor Missbrauch geschützt.»

Korrespondenz

Boris Gojanovic
Hôpital de La Tour, médecine du sport
av. J.-D. Maillard 3
1217 Meyrin (GE)
E-Mail: boris.gojanovic@latour.ch

German Clénin, Dr. med.,
Bern-Ittigen, Schweiz
german.clenin@smzbi.ch

Referenz

1. Swiss Olympic Statutes on Ethics in Swiss sport. Swiss Olympic,
January 1st, 2022. https://www.swissolympic.ch/verbaende/werte-ethik/ethik-statut, accessed on March 8th, 2024.

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