Clinical case
published online on 06.03.2026https://doi.org/10.34045/SEMS/2026/11
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Meuwly-Moll Carolin
Mindful Movement Physiotherapie & Training, Seestrasse 45, 8002 Zürich, Switzerland

Einleitung

Die VKB-Ruptur gehört laut SUVA-Statistik [5] mit mehr als 12 000 Fällen der über UVG versicherten Personen pro Jahr zu den häufigsten Knieverletzungen in der Schweiz. Als Behandlungsmöglichkeiten gibt es die operative Rekonstruktion oder den konservativen Weg. Operativ wurde über die Jahre viel geforscht im Bereich der Graft Wahl oder auch im Bereich des Banderhalts mittels z.B. der Ligamys-Technik. Unter dem konservativen Ansatz versteht man meist die Versorgung mit einer Hartschalen-Orthese und evidenzbasierter Physiotherapie. Verbreitet ist die Annahme, dass bei moderater Anforderung an das Knie im Alltag und Sport der konservative Weg die erste Wahl ist und bei grosser Anforderung eine Operation nötig wird, um das Gelenk ausreichend bei Sprüngen und pivotierenden Bewegungen zu stabilisieren und um eine frühe Arthrose zu vermeiden. Ob auch der konservative Weg zu einer anatomischen Heilung des Bandes führt oder ob die Muskelkraft und neuromuskuläre Steuerung reicht, um das Knie ausreichend zu stabilisieren, wird bis dato wenig und auch widersprüchlich beschrieben [7].
Neben den hohen Kosten für eine VKB-Rekonstruktion stellen auch die Studienergebnisse des Kanon Trails [1] mit der Outcome-Analyse von operierten und nicht operierten Patienten die Annahme infrage, dass primär eine operative Therapie zu besseren Ergebnissen führt, und verdeutlichen den Bedarf an Forschung zur konservativen Kreuzband-Therapie. Das CBP (Tab. 1) als neuer konservativer Therapieansatz, der gezielt die Heilung des VKBs fazilitieren soll, bietet hier einen sehr vielversprechenden Ansatz.

Fragestellung

In diesem Opinion Editorial stelle ich folgende bei der konservativen Versorgung wissenschaftlich noch unbeantwortete Fragen, die jedoch meiner Meinung nach von sehr grosser Relevanz sind:
1. Was genau führt zur anatomischen Heilung des VKBs nach einer Ruptur?
2. Welche nicht operativen Interventionen unterstützen die anatomische Heilung des VKBs nachweislich und reproduzierbar?

Persönliche Erfahrung

Diese Fragen habe ich mir im Januar 2023 selbst gestellt, nachdem ich mir bei einem Skiunfall das VKB gerissen hatte, zum Glück ohne wesentliche Begleiterscheinungen an den Seitenbändern und am Meniskus. Im Krankenhaus wurde mir empfohlen, zunächst mit einer Hartschalen-Orthese ohne Bewegungslimitierung und Physiotherapie den konservativen Ansatz anzugehen. Im Falle einer persistierenden funktionellen Instabilität nach drei Monaten sollte ich gegebenenfalls eine operative Bandplastik durchführen lassen. Auf meine Nachfrage, was die Chancen auf Heilung des VKBs erhöht und warum es bei manchen Patienten gelingt und bei anderen leider nicht, habe ich von den behandelnden Ärzten und Physiotherapeuten nur vage Antworten bekommen. Deshalb recherchierte ich selbst und bin erfreulicherweise auf Prof. Stephanie Filbay (University of Melbourne) und Dr. Tom Cross (Stadium Clinic, Sydney) gestossen.

Cross Bracing Protocol als konservative ­Therapiemethode

Dr. Cross beschäftigt sich mit seinem Vater (Dr. M. Cross) schon seit 2014 mit der Frage, weshalb und wie es bei Pa­tienten nach einer VKB-Ruptur zur im MRI nachweisbaren Heilung kommt. Anatomische und physiologische Faktoren zur Position des vorderen Kreuzbandes und den rupturierten Bandstüpfen als auch zum Ablauf der Wundheilungsphasen begründet ihre Entscheidung, das Knie der Patienten/Patientinnen für vier Wochen in 90° Flexion mit einer Hartrahmen- Knieorthese zu immobilisieren, wie folgt in Tab. 1.

Nebst der Schienung des Knies nach dem CBP werden die Patienten von Beginn an physiotherapeutisch mit Kraft- (die ersten 12 Wochen mit Schiene isometrisch als auch mit dem nicht betroffenen Bein) und Propriozeptionstraining begleitet. In meinem Falle ist es mit der Ruhigstellung des Knies in 90° Grad Flexion für vier Wochen in Kombination mit Physiotherapie und Krafttraining gelungen, meine VKB-Ruptur trotz anfänglich grossem Abstand zwischen den Bandstümpfen zu rehabilitieren. Mein Knie ist sowohl funktionell als auch in der gängigen Testung (Lachmann Test, Pivot Shift Test) stabil, die Verlaufs-MRIs zeigen durchgängig Fasern normaler Dicke und Länge. Es bestanden seitdem keine Bewegungseinschränkungen und auch keine funktionellen Einschränkungen im Alltag als auch im Sport (Skifahren, Wandern, Langlaufen, Joggen, Yoga und Krafttraining) mehr.

Anhand einer genaueren MRI-Diagnostik kann der jeweilige Riss des VKBs in einzelne Untertypen und somit in unterschiedliche Schweregrade eingeteilt werden. Durch eine Immobilisation in 90° Flexion für vier Wochen werden auch bei Rissen mit mehr Gap Distanz und nicht intaktem Synovialschlauch die Fasern angenähert und eine Heilung ermöglicht. Zudem wird eine Prognose für Heilung gemäss Riss- Untertyp möglich. Seit 2014 bis heute wurden mittlerweile über 1300 Patienten hauptsächlich in Australien und Neuseeland mit akuter VKB-Ruptur anhand des CBP erfolgreich behandelt. Eine Publikation zu den Ergebnissen der ersten 80 (n) Patienten im Mai 2023 ist sehr vielversprechend: Von 80 Patienten mit kompletter VKB-Ruptur zeigten 72 (N) (insgesamt 90%) nachweisliche Heilung im MRI innerhalb der ersten drei Monate [2].
Aktuell arbeitet Dr. Cross mit den Forscherinnen Prof. Filbay und Prof. Roony am Studienprotokoll an der Universität von Melbourne für eine multicentered randomized controlled trial [3] mit insgesamt 180 Patienten, die im Herbst 2025 in Australien gestartet hat.

Diskussion – Relevanz und Potenzial

Die Anwendung des CBP mit zusätzlicher Datenerhebung in der Schweiz wäre ein wichtiger subjektiver und gesundheits­ökonomischer Beitrag für mehr Patientenzufriedenheit, als auch eine kosteneffiziente Behandlungsstrategie bei VKB- Rupturen. Je besser der Heilungsmechanismus des VKBs verstanden wird, umso besser kann das Protokoll an den individuellen Riss-Typ des Patienten angepasst und eine Prognose auf Erfolg gegeben werden. Bei sehr grossem Abstand der Bandstümpfe, vielen dislozierten Faseranteilen und gravierenden Meniskus-Begleitverletzungen bleibt auch die operative Versorgung weiterhin relevant.

Practical implication

Die Forschung rund um das CBP deutet stark darauf hin, dass:
1. die Annäherung der Bandstümpfe durch 90° Flexion und Ruhigstellung für drei bis vier Wochen die anatomische Heilung des VKBs fazilitiert.
2. die Klassifizierung der VKB-Ruptur mittels MRI-Bilder in unterschiedliche Schweregrade (Abstand und Lage der Bandstümpfe) eine Prognose über Heilungschancen möglich macht.

Acknowledgments, conflict of interest and ­funding

No funding. No conflict of interest.

Corresponding author

Carolin Meuwly-Moll
Physiotherapeutin BSc
Mindful Movement
Physiotherapie & Training
Seestrasse 45, CH-8002 Zürich
Email: physio@carolin-moll.ch 

References

  1. Roemer FW, Lohmander LS, Englund M, et al. Development of MRI- defined structural tissue damage after anterior cruciate ligament injury over 5 years: The KANON Study. Radiology. 2021;299(2):383–393.
  2. Filbay SR, Dowsett M, Jomaa MC, Rooney J, Sabharwal R, Lucas P, et al. Healing of acute anterior cruciate ligament rupture on MRI and outcomes following non-surgical management with the Cross Bracing Protocol. Br J Sports Med. 2023;57(6):332-9.
  3. multicentered RCT, von University of Melbourne. Researchers funded to explore a novel treatment for knee ligament rupture [Internet]. 2020 [zitiert 2025 Mär 24]. Verfügbar unter: https://healthsciences.unimelb.edu.au/news-and-events/archived-news/researchers-funded-to-explore-a-novel-treatment-for-knee-ligament-rupture
  4. crossbracingprotocol von https://crossbracingprotocol.com, [zitiert 2026 Feb 21]
  5. Unfallstatistik Schweiz. Medizinische Statistik der Unfallversicherung UVG 2022 [Internet]. 2023 [zitiert 2025 Mär 24]. Verfügbar unter: http://www.unfallstatistik.ch/d/neuza/med_stat/pdf/UVMed_S835X.pdf
  6. van Heringen M, Filbay S, Cross T. Heilung einer akuten vorderen Kreuzbandverletzung – eine Fallstudie über das neue Cross Bracing Protokoll. Sportphysio. 2024;12(3):246–56.
  7. Steiner M, Luomajoki H. Konservative VKB-Rehabilitation mit spontanem Zusammenwachsen des Kreuzbandes: eine Fallstudie. sems-journal [online]. 2022 Apr 29 [zitiert: 2025 Aug 13]; Verfügbar unter: https://doi.org/10.34045/SEMS/2022/4

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