SEMS Educational review
published online on 22.10.2024https://doi.org/10.34045/SEMS/2024/50
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Jungen Phil1,2
1 Sportmedizin, Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ), Nottwil, Schweiz
2 Swiss Paralympic

Abstract

An athlete with a disability wants to be one thing above all else: an athlete! These athletes do not see sport as an extended, meaningful form of rehabilitation. Movement, a spirit of discovery, curiosity and control over one’s own disabled body, pushing the limits and taking risks is one of the best therapies there is. It takes an almost superhuman effort not to break under the variety of challenges, but to grow from them. And this is precisely what we able-bodied people call the superhuman, and this fuels the danger of exclusion. The performance and the medals are usually cheered with the addition “despite your disability”.
In this article, I explain the main causes and categorising of disabilities, the resulting sporting classification (categorization), and explain the often not-so-obvious medical implications of a disability. Our para-athletes are confronted with these conditions, which test their will so uncompromisingly, every day anew.

Zusammenfassung

Eine Sportlerin, ein Sportler mit einer Behinderung möchte vor allem eines sein: Sportlerin oder Sportler! Diese Athlet:innen sehen den Sport nicht als eine erweiterte, sinngebende Rehabilitation. Bewegung, Entdeckergeist, Neugier und die Kontrolle über den eigenen, behinderten Körper, das Ausreizen der Grenzen und die Risikobereitschaft dabei, ist aber eine der besten Therapien, die es überhaupt gibt. Nicht zu zerbrechen an der Vielfalt der Herausforderungen, sondern daran zu wachsen, braucht eine beinahe übermenschliche Leistung. Und genau dieses, von uns Nichtbetroffenen als Übermenschliches bezeichnete, schürt die Gefahr der Exklusion. Die Leistung und die Medaillen werden meist bewertet mit dem Zusatz «trotz der Behinderung».
Ich erläutere die Hauptursachen und Kategorisierung einer Behinderung, die daraus mögliche sportliche Klassifizierung (Einteilung) der Behinderungen und erkläre die, oft nicht offensichtlichen, medizinischen Tragweiten einer Behinderung. Mit diesen, den Willen so kompromisslos auf die Probe stellenden Bedingungen werden unsere Paraathlet:innen jeden Tag von neuem konfrontiert.

Schlüsselwörter: Paralympischer Athlet, Spitzensportler, ­Behinderter, SCI-Athlet

Résumé

Un·e athlète handicapé·e veut avant tout être… un·e athlète! Ces athlètes ne considèrent pas le sport comme une forme prolongée de rééducation remplie de sens. Le mouvement, l’esprit de découverte, la curiosité et la maîtrise de son propre corps handicapé, le fait de repousser les limites et de prendre des risques constituent l’une des meilleures thérapies qui soient. Il faut un effort presque surhumain pour ne pas ­s’effondrer face à la diversité des défis, mais pour en sortir grandi. Et c’est précisément cela, ce que nous, personnes non affectées, appelons le surhumain, qui alimente le danger de l’exclusion. Les performances et les médailles sont généralement acclamées avec l’ajout «malgré le handicap».
Dans cet article, j’explique les principales causes et la catégorisation des handicaps, la classification sportive possible qui en découle (catégorisation) et les implications ­médicales souvent peu évidentes d’un handicap. Nos para-­athlètes sont confronté·e·s chaque jour à nouveau à ces conditions qui mettent leur volonté à rude épreuve.

Mots clés: Athlète paralympique, Sportifs de haut niveau, Handicapé, SCI-Athlète

Epidemiologie

Gemäss dem Schweizer Behindertengleichstellungsgesetz (BehiG) ist ein Mensch mit Behinderungen «eine Person, der es eine voraussichtlich dauernde körperliche, geistige oder psychische Beeinträchtigung erschwert oder verunmöglicht, alltägliche Verrichtungen vorzunehmen, soziale Kontakte zu pflegen, sich fortzubewegen, sich aus- und fortzubilden oder eine Erwerbstätigkeit auszuüben.» (BehiG, Art. 2).
Am 13. Dezember 2006 wurde die United Nation Convention über die Rechte der Menschen mit Behinderungen verabschiedet. Weltweit werden diese auf 750 Millionen geschätzt. In der Schweiz leben 1,5 Mio Menschen mit einer Beeinträchtigung, davon etwa 380 000 mit einer starken Beeinträchtigung.
Behinderungs-Gründe lassen sich versuchsweise kategorisieren, und diese Einteilung ist auch relevant für die Teilnahme oder Nicht-Teilnahme, und folglich die Klassifikationen, bei den Paralympics (Tabelle 1).

Tabelle 1: Unterscheidung nach Beginn und Ursache einer Beeinträchtigung

Paralympische Organisationen

Die Paralympische Bewegung

Die Paralympischen Spiele, auch Paralympics genannt, sind die an die Idee der Olympischen Spiele angelehnten globalen Sportwettbewerbe für Sportler:innen mit Behinderung.
Am 29. Juli 1948, dem Eröffnungstag der Olympischen Spiele 1948 in London, hat Sir Ludwig Guttmann, Rehabilitationsmediziner im südenglischen Stoke Mandeville, einen Sportanlass (Bogenschiessen) für Veteranen aus dem 2. Weltkrieg mit Rückenmarksverletzungen durchgeführt. Vier Jahre später haben die Holländer teilgenommen, dann kamen immer mehr Länder dazu. 1960 wurden die ersten offiziellen «Weltspiele der Gelähmten» mit 400 Athlet:innen aus 23 Ländern in Rom durchgeführt.
Seither hat sich die Paralympische Bewegung kontinuierlich für verschiedene Behinderungs-Gruppen geöffnet und die Spiele haben sich stetig vergrössert. Bei den Sommerspielen in Paris 2024 werden über 4200 Athlet:innen aus 159 Nationen teilnehmen, bei den Winterspielen 2021 in Peking waren 570 Athlet:innen aus 49 Nationen dabei.
Alle paralympisch anerkannten Sportarten und deren Startklassen werden weltweit einheitlich anerkannt, klassifiziert und in Meisterschaften für Sportler auf Welt- und Kontinentalebene organisiert (Europameisterschaften, Weltmeisterschaften, World Para-athletics usw.).
Das International Paralympic Committee (IPC) ist das oberste Organ der paralympischen Bewegung mit Hauptsitz in Bonn.
Durch die inzwischen weltumfassende Bewegung der Inklusion von Behinderten in den Spitzensport haben sich die Anforderungen graduell an die Spitzenleistungen der nicht behinderten Sportler (able bodied) angenähert. Waren früher mehrfache Paralympics-Edelmetall-Gewinner in verschiedenen Sportarten die Norm, so muss sich heute der Para-Athlet einer Sportart widmen, um an die Weltspitze zu gelangen. Die Weltspitze ist in fast jeder Sportart und Behinderungskategorie zwischenzeitlich sehr dicht geworden, die Zeiten und Limiten sind äusserst kompetitiv.

Spitzensport-Organisationen Schweiz

Die Dachorganisation ist Swiss Paralympic.
Im Para-­Elite-Sport werden die Standing Athlet:innen von den Rollstuhl-abhängigen Athlet:innen unterschieden.

PluSport

Die Standing Athlet:innen haben Behinderungen in den ­Bereichen
• körperbehindert (physical disability)
• sehbehindert (vision impaired)
• wahrnehmungs-behindert (perception impaired-senses, hearing)
• geistig behindert (mental disability: cerebral palsy, Trisomia)
• psychisch behindert (psychological disability).

In der Schweiz werden diese Athlet:innen durch die Organisation PluSport betreut.
Rollstuhlsport Schweiz
Die Rollstuhl-abhängigen Athlet:innen
haben Behinderungen in den Bereichen der traumatischen Para-/Tetraplegie einerseits und erworbene (internistische, neurologische) oder kongenital (Spina bifida, Multiple Sklerose) bedingte Para-/Tetraplegien andererseits. In der Schweiz werden diese Athlet:innen durch die Organisation Rollstuhlsport Schweiz (Schweizer Paraplegiker-Stiftung) betreut.

Zehn Kategorien von Beeinträchtigung

An paralympischen Wettbewerben sind nur Athlet:innen teilnahmeberechtigt, die mindestens eine der folgenden zehn Beeinträchtigungskategorien dauerhaft aufweisen:
• Beeinträchtigung der Muskelkraft
• Beeinträchtigung der passiven Beweglichkeit
• Amputation oder Fehlbildung von Gliedmassen
• Unterschiedliche Beinlänge
• Kleinwuchs
• Hypertonus
• Ataxie
• Athetose
• Beeinträchtigung der Sehfähigkeit
• Intellektuelle Beeinträchtigung
Auch Beeinträchtigungen wie Zerebralparese oder eine Rücken­markschädigung/Querschnittlähmung sind über die genannten zehn Kategorien definiert.

Weitere internationale Wettkampfformate

• Die Special Olympics – Spiele für Sportler:innen mit geistiger Behinderung
• Die Deaflympics – Spiele für Sportler:innen mit einer Hörbehinderung und Gehörlose
• Das deutsche Down-Sportlerfestival – Spiele für Sportler:innen mit Down-Syndrom
• Die World Transplant Games – Spiele für Sportler:innen mit transplantierten Organen
• Invictus Games: Wettkämpfe für Militär/Kriegsverletzte

Ätiopathogenese

Der Entscheid eines Athleten ohne Behinderung, sich dem Spitzensport zuzuwenden, setzt ein hohes Mass an physischer und psychischer Stabilität voraus und entsteht aus voller Gesundheit.
Am Anfang einer Para-Sportler:innen-Karriere steht das einschneidendste Erlebnis dieses Menschen mit tiefgründigen Veränderungen in alle Lebensbereiche hinein. Es besteht keine Hoffnung auf medizinische Verbesserung. Lebenslang.

Die Ätiologie der Behinderungen kann in drei Kategorien unterschieden werden:
A: das Trauma (Beruf, Verkehr, Sport und Freizeit, Militär, domestic)
B: die kongenitale Erkrankung/Behinderung. Spina bifida, Kleinwuchs, Zerebralparese u.v.m.
C: die erworbene Erkrankung: postoperativer Querschnitt (Wirbelsäulen- und Rückenmark-Operationen, Herzoperation mit Folge-Ischämien), virale Erkrankungen, Tumoren u.v.m.

Trauma

Für viele paralympische Athlet:innen steht das Trauma am Anfang ihrer Sportkarriere, beziehungsweise liegt kurz zurück, und sie sind zugleich mit neuen körperlichen Bedingungen und, wie jeder Hochleistungssportler, der Endlichkeit ihrer sportlichen Karriere konfrontiert [1].
Das kritische Ereignis (Verletzung, Unfall, Krankheit) wird als Katastrophe erlebt und überlebt. Paralympische Athlet:innen schildern den Erholungsprozess als eine Art Katharsis und dann einen Impuls zu Wachstum und Selbstentwicklung. Als post-traumatic growth wird diese Entwicklung beschrieben [3]; in seiner Radikalität für Aussenstehende ein Wunder. Durch kognitive Verarbeitung und emotionales Engagement und ein supportives Umfeld, das fähig ist, sie so zu akzeptieren, wie der Betroffene sie zu akzeptieren gezwungen ist – wird die Behinderung als weitmöglichst normal in das jeweilige Leben integriert.
Hier mag Janoff Bulmans «Theory of shattered assumptions» [4] erwähnt werden. Paralympische Athlet:innen, die durch ein Trauma zur Behinderung gekommen sind, haben einen Prozess der Neufindung von sich in der Welt durchlaufen, unter inneren und äusseren Bedingungen, die ihnen das Bewältigen des neuen Lebens ermöglichten – täglich neu. Kritisch ist anzumerken, dass diese Stärke allerdings die Gefahr der Diskreditierung all jener birgt, die weniger erfolgreich sind in der positiven Bewältigung ihres Schicksals.

Kongenital, von Geburt an

Menschen mit kongenitalen Erkrankungen erfahren a priori mit Beginn ihres Lebens eine andere Sozialisation als nicht erkrankte Menschen und lernen einerseits diese Bedingungen als normal zu akzeptieren und in ihren Körper und dessen Besonderheiten hineinzuwachsen; andererseits erleben diese Menschen bereits früh auch die Folgen ihrer Behinderung, das heisst Stigmatisierung, Sonderschulen, Therapienotwendigkeiten und Einschränkung spontaner Lebensäusserungen inklusive pubertärer Exzesse, wo sie einer Mobilität und Autonomie bedürfen, die bei manchen Behinderungen nicht einfach so verfügbar und gegeben sind. Es ist ein wenig umgekehrt zu einer erworbenen Behinderung. Sie wachsen damit auf und hinein und erwachen vielleicht nach und nach an den Vergleichen zu denen, die nicht behindert sind. Ein Mensch mit kongenitaler Behinderung, der sich für den Hochleistungssport entscheidet, tut dies aus einer anderen Motivation heraus als ein Mensch, der seine Behinderung durch ein Trauma erworben haben mag. Kongenital behinderte Sportler:innen erleben sich lebenslang mental geschult. Lebenslange Adaptation an die Behinderung, ein a priori darauf sich einstellender sozialer Kontext und der nicht erfahrene Schock sind bedeutende Unterschiede. Paralympische Athlet:innen mit kongenitaler Behinderung identifizieren ihren Aufstieg als eine Folge ihrer mentalen Stärke. Paralympische Athlet:innen, die ihre Behinderung in einem traumatischen Lebensereignis erwarben, weisen auch nachdrücklich auf die Unterstützung von Eltern und Familie hin [2].

Erworbene Erkrankung

Eine erworbene Erkrankung, die zur Behinderung führt, mag schleichend (Polyneuropathien, Muskelerkrankungen u. a.) oder akut (Meningitis/Enzephalitis) das Individuum ereilen und hat je nach Erkrankung unterschiedliche Adaptations- und Copingstrategien zur Folge. Eventuell wird diese erworbene Erkrankung auch ebenso traumatisierend erfahren wie ein schwerer Unfall. Es wird wie beim Trauma aus einem ehemals nicht behinderten ein behinderter Zustand, mit der Notwendigkeit von Akzeptanz durch das betroffene Individuum sowie dessen Umfeld.
Etwa 60% aller Querschnittlähmungen in der Schweiz sind nicht durch einen Unfall verursacht.
Spinale Ischämie und spinaler Infarkt als Schlaganfall des Rückenmarks entstehen durch Verschluss zuführender oder abführender Blutgefässe mit nachfolgender Mangeldurchblutung des Rückenmarks, oder durch eine spinale Blutung, spontan oder auch iatrogen postoperativ.
Primäre Tumore aus Nervengewebe oder Nervenbegleitgewebe sind selten Ursache eines Querschnitts, genauso Knochentumore, die ebenfalls zu einer Kompression des Rücken­marks führen können. Häufiger kommen Metastasen anderer Tumore vor, die ins Rückenmark oder die angrenzenden Wirbelkörper gestreut haben. Ebenso können lokale Manifestationen von Lymphomen oder Leukämien zu einer Querschnittlähmung führen.
Pyogene Prozesse sind eine weitere Ursache von Behinderungen. Bakterielle Infekte der Wirbelsäule und Spondylodiszitis führen zur Schädigung des Rückenmarks. Solch schwere entzündliche Prozesse sind dann oft Begleiterkrankungen bei Immunschwäche – wie zum Beispiel Diabetes mellitus, Human Immundeficiency Virus – oder bei lang dauernder Kortisoneinnahme.

Herausforderungen

Sportliches Umfeld

Der Mensch, der von einer traumatisch oder medizinisch erworbenen Behinderung betroffen ist, ist mit einer völlig fremden Sportkultur konfrontiert. Es fehlen ihm die sportlichen Vorbilder, er hat keine Peers, seine als Gesunder erworbenen Sportkenntnisse und Abläufe dienen womöglich kaum für den Behindertensport. Er hat keine Erfahrung, keinen Zugang zu seinem Talent im Bereich des Behindertensports. Am dramatischsten sind diese Faktoren bei einem Querschnitt mit folgender Rollstuhlabhängigkeit und Gehunfähigkeit oder bei Sinnes- und Wahrnehmungs-Behinderungen. Alles muss neu erlernt und erfahren werden in einem langwierigen und akribischen Prozess, der bei null beginnt.
Weniger Mühe bekunden die Sportbegeisterten mit kongenital erworbenen Behinderungen. Sie kennen sich nicht anders, sind vertraut mit ihren körperlichen Defiziten und haben eine Vielzahl von mitgewachsenen Kompetenzen.
Hinzu kommt bei paralympischen Athlet:innen die Abhängigkeit vom IPC Athlete Classification Code. Über diese Klassifikation werden Athlet:innen in Sportklassen eingeteilt, in Abhängigkeit davon, wie sehr ihre Behinderung fundamentale Aktivitäten in jedem spezifischen Sport, jeder Disziplin beeinträchtigt. Dieses Klassifikationssystem schafft laut Studien und Literatur einen enormen Stress, eine neue Form von «ungerechter Gerechtigkeit» [2], mit der diejeweiligen Sportler:innen umgehen müssen, falls sie in eine Kategorie fallen, die ein Siegen verunmöglicht.
Das neue sportliche Umfeld besteht ebenfalls aus Athlet:innen mit einer Behinderung. Ein Umfeld mit einer neuen Art von Vergleich und Wettkampf gegeneinander, in dem zugleich eine neue Art des Miteinanders entsteht, die, so beschreibt es ein Sportler, «die Sache nicht leichter macht, aber es leichter macht zu verstehen, wo ich jetzt stehe» [2]. Das ist eine neue Möglichkeit der Realisation und Akzeptanz dieser Realität als normal; angenommen und «umarmt» vom Kontext, in dem trainiert wird.
Die neue Herausforderung besteht nicht nur im sport­lichen, sondern auch im nichtsportlichen und privaten Kontext. Das Begreifen dieser Herausforderung nicht als Bedrohung, sondern als Chance zu ihrer Überwindung und des «Über-sich-hinaus-Wachsens» ist eine ausserordentliche Qualität, ein Potenzial, welches alle paralympischen Athlet:innen besonders auszeichnet [2].
Ab einer Behinderung von 50% erhalten Hochleistungssportler:innen eine Invalidenrente. Fast jede zweite IV-­Rente in der Schweiz wird aufgrund einer psychischen Beeinträchtigung und/oder psychiatrischen Erkrankung zugesprochen. Sport hilft auch diesen Menschen, ihre Situation im Alltag und auf Dauer zu verbessern. PluSport ist bestrebt, spezielle und integrierende Angebote dafür zu etablieren.

Psychosoziales Umfeld

Und plötzlich ist alles anders. Wo wir früher unbemerkt, ja anonym durch die Stadt gehen konnten, uneingeschränkt unsere Wünsche, Träume, unser Leben gestalten konnten, sind nun die Folgen des Unfalls, der Erkrankung. Uns fehlt ein Bein, ein Arm, wir sitzen im Rollstuhl, sind gelähmt. Wir sind auf Hilfe angewiesen, sind Bittsteller, hoffen auf Einsicht, Teilnahme, Unterstützung. Wir verlieren das Umfeld, Freunde, den Job, die Partnerschaft. Wir sind ausgegrenzt und vorerst einfach hilflos.

Neues berufliches Umfeld

Im glücklichen Falle kann der alte Beruf wieder aufgenommen werden. Wahrscheinlicher ist die Notwendigkeit einer Umschulung oder der Verlust des Arbeitsplatzes.
Es ist eine Ausnahme in Europa, dass eine behinderte Sportler:in vom Sport leben kann. Der sportliche Marktwert im Sinne des Sponsorings ist vernachlässigbar. In der Schweiz sind nur einzelne Weltklasse-Athlet:innen als Profi erfolgreich. Der Parasport ist für die Medien und den Werbemarkt bisher weitgehend uninteressant. Schon diese Tatsache widerspiegelt die gesellschaftliche Abgrenzung des Parasports.
Ein Arbeitgeber ist oft konfrontiert mit einer verminderten Produktivität: Ein mehrfach behinderter Athlet mit gestörter Darmfunktion, Spastik oder einem zentral neurologischen Defizit kann nicht die volle Arbeitszeit produktiv sein. Die Ausfallszeiten sind erhöht durch die medizinische Anfälligkeit, dazu kommen noch die sportlichen Absenzen. Der behinderte Sportler muss auf die Kulanz seines Arbeit­gebers zählen können.
Die Vereinbarkeit von Beruf, Sport und Behinderung ist eine Herausforderung für die Spitzensportler:innen. Die fehlende Wertschätzung der Gesellschaft, der Wirtschaft, der Medien zu diesen Leistungen in Bezug auf den Marktwert und die fehlende monetäre Unterstützung für die Leistungsbereitschaft können demotivierend sein.

Neue Familienstrukturen, neuer Freundeskreis
Zur Entwicklung in Richtung einer im Idealfall glücklichen Bewältigung des Traumas, oder auch einer angeborenen Behinderung, spielt der familiäre Kontext eine herausragende Rolle. Auch das Leid der Eltern kann ein Ansporn sein, nicht zu leiden, sondern zu leben. Menschen mit angeborenen Behinderungen werden in der Selbstverständlichkeit des Engagements der Umgebung gross und empfinden hier bei der Entscheidung zum Hochleistungssport die inneren eigenen Faktoren wie mental toughness als entscheidend [2].

Partnerschaft und Familienfragen

Im glücklichen Fall erträgt die Partnerschaft die Belastung und wächst daran. Dabei spielen auch die Möglichkeit von Intimität und die Notwendigkeit von Pflege eine Rolle. Für beide Seiten ist eine neu erworbene Behinderung zunächst eine enorme Herausforderung und Belastung.

Symptomatologie

Neben der Grundbehinderung ist der/die paralympische ­Athlet:in zeitlebens mit einer Vielfalt von Rückschlägen aus medizinischem Kontext konfrontiert. Während ein gesunder, nicht behinderter Sportler sich mehr oder weniger auf die Grundfunktionen seines Körpers verlassen kann, ist der behinderte Spitzensportler immer wieder, oft unberechenbar und unmittelbar, mit seiner Zerbrechlichkeit konfrontiert. Die Saisonplanung, die Wettkampfplanung und somit auch immer das ultimative Sportler:innen-Ziel, die Teilnahme an den Paralympics, kann empfindlich und unvermittelt gefährdet sein.

Themen der veränderten körperlichen Belastbarkeit durch eine Behinderung

Druckgeschwüre der Haut (Decubitus) sind bei Querschnitt und anderen Neuropathien eine bedrohliche Komplikation. Es genügen oft nur wenige Stunden der Unachtsamkeit, die dann Monate von Rekonvaleszenz und Trainingsausstand bedeuten. Muskuloskelettale Asymmetrien führen zu Fehlbelastungen mit entsprechenden Überbelastungen. Ein Beispiel sind Beinamputierte, die ohnehin im Alltag das gesunde Bein strapazieren und bei denen der Spitzensport dann zu einem dramatischen overload der gesunden Strukturen führt. Bei kompletten und inkompletten Lähmungen entwickelt sich eine schwere (Inaktivitäts-)Osteoporose – jeder Sturz kann hier lebensbedrohlich werden (Gefässverletzungen). Bei tetraplegischen Sportler:innen ist die oft eindrückliche Hypotonie Grund einer morgendlichen, über Stunden an­dauernden Leistungsintoleranz.

Themen der veränderten Physiologie bei einer ­Behinderung

Die Atemphysiologie ist bei hohen Lähmungsniveaus (Tetraplegie) stark beeinträchtigt. Bei anderen Behinderungsgruppen sind die notwendige stabilisierende Sitzposition, die Prothesen oder fehlende Gliedmassen Grund einer verhinderten Kraftentwicklung. Entsprechend dem Grad der Neuropathie oder Plegie besteht eine stark verminderte Muskelmasse, was zu Überbelastungen (muskulär/ossäre Stressreaktion) führen kann. Bei Rollstuhlathlet:innen kommt es oft zu einer pathologischen Skoliose-Entwicklung.
Themen der Urologie und Darmfunktion bei einer ­Querschnitt- oder neurologischen Behinderung
Eine Herausforderung für Spitzensportler:innen ist das Blasenmanagement. Die intermittierende Selbstkatheterisierung, die fehlende Innervation der ableitenden Harnwege, ein verändertes Schwitzen und Durstgefühl führen bei Querschnitt- Sportler:innen zu häufigen Harnwegsinfektionen. Die wiederkehrende Leistungseinbusse kann für die Sportler:innen enorm frustran sein.
Das konsequente Darmmanagement mit Notwendigkeit der täglichen manuellen Ausräumung, die Stuhlinkontinenz, die chronischen Hämorrhoidalbeschwerden sowie die ver­zögerte Darmfunktion des ganzen Colons mit Völlegefühl, Meteorismus sind eine enorme Herausforderung im alltäg­lichen Leben eines Spitzensportlers mit Querschnitt.
Diese vielfältigen Themen sind ein Teil des Lebens von behinderten Athlet:innen, sie müssen tagtäglich in der Planung mitberücksichtigt werden und dürfen keinen einzigen Tag vernachlässigt sein. Diese Unveränderbarkeit, die Unendlichkeit über die Lebenszeit, kann sehr belastend sein.

Psyche

Die physischen Komorbiditäten und Morbiditäten sind für Sportler:innen wie für das Team anspruchsvoll und bedürfen einer gros­sen Expertise [8]. Sie beanspruchen Sinne und Erleben der Sportler:innen sowie aller Beteiligten.
Paralympische Athlet:innen bedürfen ungleich mehr als olympische Athlet:innen der Eigenschaften wie Optimismus, Pragmatismus, hardiness und Resilienz [8]. Sie demonstrieren Unabhängigkeit, Entschlossenheit, Autonomie. Hierfür wachsen sie in gewisser Weise immer über sich hinaus, indem sie Kognitionen wie Nichtakzeptanz von Begrenzungen pflegen. Synchron oder auch kausal damit generieren sie einen Prozess von Normalisierung und radikaler Akzeptanz der Behinderung, der Akzeptanz der eigenen persönlichen und individuellen Behinderung. Kognitive Strategien helfen, Funktion und Performance zu optimieren. Selbstreflexion wird von paralympischen Athlet:innen mit kongenitalen Behinderungen als Voraussetzung für den Erfolg angegeben, um mental stark und seelisch resilient zu werden [2].
Paralympische Athlet:innen nach Trauma profitieren auch vom Vergleich der Herausforderungen im Sport mit dem traumatischen Ereignis selbst [2]. Die Extreme schaffen neue Ressourcen: Die Sportler:innen schildern das Neuerleben von Dankbarkeit, Optimismus, Interesse. Sie entwickeln daraus physische und mentale Energien [5]. Sie sind darauf eingestellt, alle inneren und äusseren Ressourcen zu nutzen. Sie sind allein aufgrund der Tatsache, dass der Entschluss für den Spitzensport bereits eine enorme innere Entwicklung voraussetzt, weniger abhängig von mentalen Coaches und integrieren eigenständig humanistische und existenzielle Herangehensweisen an die Wirklichkeit.

Zusammenfassung

Der paralympische Spitzensport zeigt eine markante Entwicklung. Der Hochleistungssport von Athlet:innen mit Behinderungen hat in den letzten Jahren zunehmend grössere mediale Aufmerksamkeit erfahren. Die Professionalisierung schreitet auch im Behindertenspitzensport erkennbar voran und hat in den letzten Jahren zu einer Leistungsexplosion geführt. Gleichzeitig hat sich das Spektrum der Disziplinen bei den Paralympischen Spielen und anderen Wettkämpfen ausgeweitet. Nebst klassischen Sportarten wie Leichtathletik, Paraski, Racketsports, Paraswimming und Teamsportarten wie Fussball, Volleyball, Sledgehockey sind moderne Sportarten wie Klettern, Wheelchair BMX und Surfing auch für jüngere Generationen attraktiv. Darüber hinaus wird auch der paralympische Sport – als Teil des sportlichen Wettbewerbs zwischen den Nationen – immer deutlicher in den Dienst der nationalen Repräsentation gestellt. Der Spitzensport mit Handicap, gemessen an den Anforderungen auf olympischem Niveau, nähert sich immer stärker dem Spitzensport der Non-Handicap-Elite an. Andererseits führt die zunehmende Professionalisierung auch zu kontroversen Diskussionen, wie der mehrfache Schweizer Paralympics-­Medaillengewinner Lukas Christen zu bedenken gibt [7]: «Wo hört der Mensch auf – und wo fängt die Maschine an?» Er nennt das Beispiel des Weitspringers, der mit einem ­Carbon-Fuss weiter springt als einer mit zwei gewöhnlichen Beinen.
Jede:r unserer Athlet:innen verkörpert ein persönliches Schicksal. Sie sind mit einer ungleichen Vielzahl von Herausforderungen konfrontiert. Diese zu bewältigen und in sportliche Höchstleistungen umzusetzen, bedarf enormer Ressourcen [6]. Hierzu zählen persönliche Eigenschaften wie Entschlossenheit, Trotz, Pragmatismus, Optimismus, Resi­lienz, Selbstwirksamkeit, Unabhängigkeits- und Autonomiebewusstsein. Hierzu zählen ebenso Kognitionen wie Nor­malisierungsbestreben, ein gesundes Vergessen und Nicht­-
akzeptanz der Begrenzungen. Schliesslich sind für die Entwicklung und den Verlauf der Sportler:innen entscheidend: die soziale Unterstützung und Schlüsselfiguren – wichtige Menschen: Trainer, Supporter, Familienangehörige, beste Freunde und Fans.
Last aber keineswegs least: Diese Athlet:innen bedürfen einer professionellen, adaptierten und empathischen sportmedizinischen Begleitung. Ein forderndes, aber verständliches Team «Health and Performance», ein verlässliches System der Unterstützung und Begleitung und noch ein Schutzort in Themen des Safeguardings. Das ist unsere Mission.

Korrespondenz

Dr. med. Phil Jungen
Chefarzt Sportmedizin/SOMC
Facharzt Allgemeine Innere Medizin
Telefon 041 939 66 00
(Sportmedizin Nottwil)
email: phil.jungen@sportmedizin-nottwil.ch
http://www.paraplegie.ch

Referenzen

1. Leslie Swartz, Xanthe Hunt, Jason Bantjes, Brian Hainline. Mental health symptoms and disorders in Paralympic athletes: a narrative review BMJ of SM Volume 53, Issue 12, 2019.
2. Alexander J. Powell, Tony D. Myers. Developing Mental Toughness: Lessons from Paralympians Front Psychol 2017;8:1270.
3. Tedeschi RG, Calhoun LG (1995). Trauma and Transformation: ­Growing in the Aftermath of Suffering, Thousand Oaks, CA: Sage; 10.4135/9781483326931.
3.1. Tedeshi R.G, Calhoun L.G. (2004). Posttraumatic growth: conceptual foundations and empirical evidence. Psychol Inq 15(1):1-18-January 2004
4. Janoff-Bulman R. (2010). Shattered Assumptions. New York, NY: ­Simon and Schuster.
4.1. Sheikh, S., & Janoff-Bulman, R. (2010). Tracing the self-regulatory bases of moral emotions. Emotion Review, 2(4), 386-396.
5. Salim J., Wadey R., Diss C., (2016). Examining hardiness, coping and stress-related growth following sport injury. J.Appl. Sport Psychol. 28. 154-169.
6. Wegner, Manfred. Erschienen in: Handbuch Behinderung und Sport Veröffentlicht: Schorndorf: Hofmann (Verlag), 2015, S. 57-71, Lit.
7. Lukas Christen: Der 50-jährige Lukas Christen ist ehemaliger Behindertensportler aus Sempach. Er gewann mehrere Paralympics und Weltmeisterschaften über 100 m, 200 m und im Weitsprung der Oberschenkelamputierten. Er arbeitet als selbstständiger Management- Trainer und Coach in der Wirtschaft und im Sport.
8. Malte Christian Claussen, Erich Seifritz: Lehrbuch der Sportpsy­chiatrie und -psychotherapie. hogrefe Verlag 2022.

 

Titelbild: Sir Ludwig Guttmann, Gründer der Stoke Mandeville Games, die zu den Paralympischen Spielen wurden

 

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