Opinion editorial deutsch
published online on 22.04.2024https://doi.org/10.34045/SEMS/2024/8
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Clénin German E.1,2,3, Gojanovic Boris2,3,4
1 Sportmed. Zentrum Ittigen b. Bern, Schweiz
2 SEMS, Sport and Exercise Medicine Switzerland, Bern
3 Health4Sport, Bern, Schweiz
4 Sports medicine, Swiss Olympic Medical Center, Hôpital De La Tour, Meyrin, Schweiz

Zusammenfassung

Im Schweizer Sport wird viel wertvolle Arbeit geleistet. Dies ist einer der wichtigen Gründe, dass unsere Athletinnen und Athleten an Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften im Elite- und Nachwuchsbereich immer wieder Erfolge vorweisen können. Sport hat aber auch seine dunklen Seiten, eine davon betrifft den Missbrauch in all seinen möglichen Formen. Wissenschaftliche Untersuchungen der letzten drei Jahre belegen, dass der Anteil Betroffener sich in der Schweiz mit den erschreckend hohen Zahlen von Erhebungen aus dem Ausland deckt. Die zahlreich eingehenden Meldungen bei der seit Januar 2022 aktiven Ethikmeldestelle von Swiss Sport Integrity können diesen Sachverhalt nur unterstreichen.
Safeguarding, das Schaffen eines gegenüber allen Formen von Missbrauch sicheren Sports, muss das Ziel aller Entscheidungsträger/innen im Sport sein. Die Komplexität der Thematik und die Art und Weise des Auftretens von grenz- und gesundheitsverletzendem Verhalten zeigen klar auf, dass die Problematik einen systemischen und ganzheitlichen Ansatz verlangt. Ein Vorschlag von Health4Sport mit 13 Punkten wird vorgestellt.
Damit Safeguarding gelingt, müssen alle Akteure im Schweizer Sport rund um und mit den Athletinnen und Athleten Verantwortung übernehmen: Eltern, Teamkollegen/innen, Trainer/innen, Funktionär/innen auf allen Stufen, Physiotherapeuten/innen, Psychologen/innen, Ernährungsfachleute, Sportmediziner/innen, andere Gesundheitsberufe inklusive Sportwissenschafter/innen, aber auch die Sport­verbände national und international und die kantonalen und nationalen Behörden unseres Landes.

Abstract

A lot of valuable work is done in Swiss sport. This is one of the main reasons why our athletes are able to repeatedly achieve success at the Olympic Games, World and European Championships in the elite and junior categories. However, sport also has its dark sides, one of which concerns abuse in all its possible forms. Scientific studies conducted over the last three years have shown that the proportion of people affected in Switzerland is in line with the alarmingly high figures from surveys conducted abroad. The numerous reports received by Swiss Sport Integrity’s ethics reporting office, which has been active since January 2022, can only underline this fact.
Safeguarding, the creation of a sport that is safe from all forms of abuse, must be the goal of all decision-makers in sport. The complexity of the issue and the way in which borderline and unhealthy behavior occurs clearly show that the problem requires a systemic and holistic approach. A proposal from Health4Sport with 13 points is presented.
For safeguarding to succeed, all stakeholders in Swiss sport must take responsibility for and with the athletes: par­ents, teammates, coaches, officials at all levels, physiotherapists, psychologists, nutritionists, sports physicians, other health professionals including sports scientists, but also the national and international sports federations and the state and national authorities of our country.

Keywords: Switzerland, stakeholders, safety, reponsibility, leadership

Schweizer Sportverbände und -vereine geben viel Wertvolles weiter

Gesunder, sicherer und positiver Sport, welcher durch die 19 000 Schweizer Sportvereine und die 196 Sportverbände angeboten wird, hat den Menschen in der Schweiz viel zu bieten:
– Verbesserte physische und psychische Gesundheit
– Gute und erfolgreiche Sporterlebnisse
– Nachhaltige Teilnahme an sportlichen Angeboten in Vereinen und Verbänden, u.a. auch nach der Sportkarriere als Coach, Funktionär, Kampfrichter, Freiwilliger
– Bessere sportliche Leistung
– Erleben von guten und gesunden Beziehungen
– Erlernen von wichtigen Fähigkeiten fürs Leben
Und doch gibt es eine Kehrseite der Medaille, die man anschauen muss. Denn Safeguarding ist kein Selbstläufer.

Missbrauch im Sport international ist weit verbreitet – die Magglingen-Protokolle, der Pachmann- und der Rudin Cantieni-Report bestätigen den Sachverhalt und die Zahlen für die Schweiz

Die Zahlen von Missbrauch im Sport international sind erschreckend. Das IOC Consensus Statement 2016 fasst zusammen, dass Athletinnen und Athleten in bis zu 75% der Fälle von psychischem Missbrauch berichten. Darunter fallen Schlechtmachen, Erniedrigen, Anschreien, Zum-Sündenbock-Machen, Isolieren, Ignorieren, Entziehen von Aufmerksamkeit und Unterstützung. Es finden sich in dieser Übersichtsarbeit auch Zahlen von anderen Missbrauchsformen, z.B. sexueller Belästigung von 19–92% und sexuellem Missbrauch von 2–49%. Die grosse Bandbreite der Prävalenz­angaben bei Letzteren ergibt sich aufgrund unterschiedlicher Messmethodik der zitierten Studien [1]. Für alle diejenigen, welche Sport selber mit Passion betrieben haben und nach wie vor sportlich aktiv sind, für die vielleicht Sport sogar zum Beruf geworden ist, aber letztlich für uns alle, sind diese Zahlen kaum auszuhalten.
Zwei Journalisten bringen in der Schweiz 2020 mit den Magglingen-Protokollen auch hier den Stein zum Rollen. Acht Athletinnen aus der Rhythmischen Gymnastik und dem Kunstturnen berichten von ihren Demütigungen und dem missbräuchlichen Umgang mit ihnen am Nationalen Leistungszentrum in Magglingen [2].
Sowohl der interne Pachmann-Report [3], vorgestellt an der Pressekonferenz im Januar 2021, als auch der externe Report der Anwaltskanzlei Rudin Cantieni im Herbst des gleichen Jahres bestätigen den Sachverhalt der Erfahrungsberichte der acht jungen Frauen und zeigen auf, dass auch im Schweizer Sport Handlungsbedarf besteht [4]. Diese beiden Erhebungen in der Schweiz decken sich mit den eingangs erwähnten internationalen Erfahrungswerten. Dies heisst zum einen, dass die grosse Mehrheit der in der Schweiz aktiven Athletinnen und Athleten eine positive persönliche Entwicklung und zahlreiche wertvolle Lebenserfahrungen aus dem Sport mitnehmen kann. Es bestätigt aber leider, dass nicht nur eine kleine Gruppe, sondern je nach Fragestellung viele Athletinnen und Athleten betroffen waren und offenbar nach wie vor sind.

Wieso ist der Sport anfällig und welche Gruppen sind besonders vulnerabel?

Aber wieso ist Sport besonders anfällig oder gefährdet für Missbrauch? Längst ist Sport ein wichtiger Pfeiler und Teil unserer Gesellschaft. Somit ist Sport nicht nur mehr eine schöne und sinnvolle Freizeitbeschäftigung und auch Pas­sion, sondern soll und muss allen Gesetzmässigkeiten unseres Zusammenlebens vollumfänglich genügen. Dazu gehören selbstverständlich das Einhalten und Gewähren sämtlicher Rechte und Pflichten inklusive des Wohles jedes einzelnen Individuums. Tabelle 1 zeigt auf, dass die Einmaligkeit des Sports auch Risiken birgt.

Tabelle 1: Die Einmaligkeit des Sports birgt auch Risiken (adaptiert nach Willson 2022 und Kerr 2019 [6,7])

Wie zahlreiche Studien zeigen, ist niemand vor Missbrauch gefeit. Denn Missbrauch von Athletinnen und Athleten kann in jedem Alter, in jeder Sportart, auf jedem Leistungsniveau, in jedem Land und zu jeder Zeit vorkommen [8,9,10].
Einige Athletengruppen scheinen aber besonders vulne­rabel. Es sind die folgenden vier Gruppen: Kinderathleten/innen, Leistungssportler/innen, Athleten/innen mit Behinderungen und Athleten/innen, welche sich als LGBTQI+ identifizieren. [1,8,11]. Eine Kombination davon, also beispielsweise der Nachwuchs-Leistungssport mit Athletinnen und Athleten im Kindes- oder frühen Jugendalter erhöht das Risiko für Missbrauch weiter. Dies bestätigt sich auch für die Schweiz. Denn erste Rückmeldungen der Ethikmeldestelle von Swiss Sport Integrity betreffen auffallend häufig den Nachwuchs-Leistungssport.

Ethik ist Führungssache und kann weder ­verordnet noch delegiert werden

Das Wort Ethik wird im Duden wie folgt definiert: «Gesamtheit sittlicher Normen und Maximen, die einer verantwortungsbewussten Einstellung zugrunde liegen» [12].
Das Wort Ethik ist grundsätzlich positiv konnotiert, wird verbunden mit einem verantwortungsbewussten, respektvollen und umsichtigen Verhalten und Umgang. Dies kann durchaus gepaart sein mit hohen Leistungszielen, welche harte Arbeit erfordern. Somit passen Leistungssport und Ethik gut zusammen. Nur nicht ganz automatisch, denn der verantwortungsbewusste und respektvolle Umgang miteinander ist unabdingbar, um einen positiven, wertvollen und sicheren Sport zu ermöglichen [1,13,14].
Wieso braucht Ethik Leadership und Commitment? Hierzu eignet sich die Betrachtung der etwas gar krassen, aber in dieser Sache passenden Redensart: «Der Fisch beginnt zuerst am Kopf zu stinken». Sie beschreibt haargenau, dass positives Verhalten und respektvoller Umgang, eben eine ethisch vorbildliche Einstellung, nicht einfach Mitarbeitenden verordnet oder anderweitig delegiert werden kann. Ethik muss selber gelebt werden. Sonst sieht man und noch vor dem Sehen riecht man, dass es mit der Ethik seitens der Führungsetage nicht weit her ist. Es liegt auf der Hand, dass Ethik auch nicht einfach administriert, also mit irgendwelchen anzu­kreuzenden Checklisten abgehakt werden kann. Gerade die Magglingen-Protokolle, der Pachmann- und der Rudin Cantieni-Report unterstreichen, dass auch der Schweizer Sport gegen aussen einen top organisierten und gut geführten Eindruck vermitteln kann [2,3,4]. Innen drin aber wurde z.T. versteckt, z.T. aber sogar offen (!) Missbrauch Tür und Tor geöffnet. Der mögliche Aufbau eines kontinuierlicher Kontaktes zwischen Athleten/innen und einem Medical Team beispielsweise wurde im STV systematisch von der Führungsetage behindert. Solche Sportfunktionäre unterschreiben ohne mit der Wimper zu zucken jede noch so ausgeklügelte Checkliste. Kurz: Jede/r muss Farbe bekennen und sein/ihr wahres Gesicht zeigen. Dabei, und hier kommt die Leadership hinein, müssen die Leitungspersonen die Vorbildfunktion übernehmen und ein uneingeschränktes Commitment in dieser Sache zeigen [1,13,17].

Nicht Bad Apple, sondern Bad Barrel

Wenn es dann nicht stimmt, ein Machtmensch ins System Sport kommt, einer, welcher entscheidet, wo es langgeht, rücksichtslos, Grenzen klar verletzend, dann ist er typischerweise nicht alleine. Es gibt also nicht einfach einen «Bad Apple», welcher sich nicht korrekt und angemessen verhält. Nein, es sind mehrere Verantwortungsträger/innen des gleichen Sports gemeinsam, welche dieses grenzverletzende und gesundheitsgefährdende Verhalten praktizieren. Es kann das ganze Trainerteam betreffen. Meistens geht es in der Linie weiter und wird von oben her gedeckt bzw. sogar gefördert. Das heisst, es sind zum Beispiel der/die Nachwuchsverantwortliche als Vorgesetzter der Trainercrew, dann gleich die nächsthöhere Stelle mit dem/der Leistungssportchef/in bis hin zum/zur Direktor/in, welche sich darauf verständigen, diese falsche, überharte Linie zu fahren, und Missbrauchs­opfer in Kauf nehmen oder zumindest bewusst zulassen. Dieses orchestrierte Prinzip mit dem Auftreten von Verur­sachern von Missbrauch in Gruppen oft auch in hierarchischer Linie wird im Fachjargon «Bad Barrel» (frei übersetzt «schlechtes Fass») genannt – auch der Rudin Cantieni-Report berichtet genau davon [15,16,4].

Verantwortung für Safeguarding betrifft alle und muss systemisch angegangen werden

Für das Wohlergehen und das sichere und positive Sporttreiben sind alle Akteure im Lebens- und Sportalltag von Athletinnen und Athleten verantwortlich: Eltern, Teamkolleginnen und -kollegen, Trainer/innen, Physiotherapeut/in, Psychologe/in, Ernährungsberater/in, Sportmediziner/in, alle weiteren Mitglieder des interdisziplinären Supportteams (inkl. Sportwissenschafter/in), Sportfunktionäre/innen und weitere Verantwortungsträger/innen im Sport inklusive nationale und internationale Sportverbände als auch die kantonalen und nationalen Behörden unseres Landes [1,8,11].
Notabene ist die Elternrolle im Schweizer Leistungssport zu unklar und zu passiv und bedarf spezieller Aufmerksamkeit. Eltern müssen zwingend aktiver einbezogen werden.
Da die Thematik des Missbrauchs im Sport vielschichtig ist, der Sport eine hohe Autonomie, Selbstbestimmtheit und Leistungsorientiertheit aufweist, grenzverletzendes und gesundheitsgefährdendes Verhalten oftmals von einer ganzen Gruppe von Verantwortungsträgern im Sport orchestriert wird, muss die Thematik systemisch angegangen werden [6,7]. Dabei soll und muss auf allen Ebenen, bei allen genannten Akteuren im Sport in einer nachhaltigen Art und Weise Safeguarding geschult und gefördert werden [1,7,17].

13 Punkte von Health4Sport als Ansatz

Health4Sport (H4S), das sind die vier Schweizer Sport­gesundheits-Fachverbände, die auch Mitglied von Swiss Olympic sind: Sport- und Bewegungsmedizin SEMS, Sportpsychologie SASP, Sporternährung SSNS und Sportphysiotherapie Sportfisio.
Beim Safeguarding geht es darum, den Fokus auf die Prävention und auf jene Faktoren zu richten, die die psychische und physische Gesundheit schützen und stützen sowie die Persönlichkeitsentwicklung und gesunden Sporterfolg fördern. Jene Faktoren also, die folgende Vision zu einer Realität in der Schweiz werden lassen können [17]:

Im Folgenden wird eine Checkliste von 13 Punkten vorgestellt (Abbildung 1 und Tabelle 2), welche in einer umfassenden Art und Weise die Ak­tionsfelder für ein wirkungsvolles Safeguarding in der Schweiz sicherstellen könnte [17].

Nicht in die grosse Sackgasse laufen!

Beim Gewinn einer Medaille durch eine/n Schweizer Athleten/in an den Olympischen Spielen vor dem Livestream mitzufiebern und in einem gemeinsamen Glücksgefühl ein wenig Teil davon zu sein, ist wunderbar und fällt nicht schwer. Wie viel schwieriger ist es, sich dieser nun dunklen Seiten unseres Schweizer Leistungssports anzunehmen. Anzuerkennen, dass in unserem Land zahlreichen hoffnungsvollen jungen Menschen viel Leid und Schaden angetan wurde und noch immer wird.
Es fällt uns leichter zu glauben, dass doch alles nicht so schlimm sei. Der Zustand wird immer wieder, von Einzelpersonen sogar jetzt noch, fälschlicherweise «normalisiert», also als Spitzensportnormalität verkannt. Es gehöre halt einfach dazu. Man muss doch als Spitzensportler halt etwas aushalten [6,7]. So weit aushalten, wie letzthin von einer Psychologin berichtet wurde, dass Eltern sie mit ihrem Kind, einer schulpflichtigen Nachwuchsathletin aufsuchten, damit es das Anschreien und den harten Ton der Trainerin doch etwas besser aushalte! – Hallo, aufwachen. Wo sind wir eigentlich?
Allzu rasch wird in das uns geläufige Leistungsmotto «Ohne Fleiss kein Preis» groteskerweise alles Mögliche bzw. Unmögliche hineingepackt bis hin zum Absurden: «Ohne Fleiss und ohne Demütigungen und ohne Missbrauch…». Ebenso wird der Überbringer oder die Überbringerin einer schlechten Nachricht im Sport gerade im Kontext eines Sportverbandes gemieden, stillgeschwiegen, links liegengelassen, nicht weiter beachtet [8]. Zu unangenehm, zu herausfordernd, zu problematisch ist die Thematik. Niemand scheint zu wissen, wie man mit einer Person, die Missbrauch erlebt hat, im sportlichen Umfeld richtig umgeht, ihr begegnet, sie wieder integriert. Im Gegenteil, meist werden diese Personen ausgegrenzt, sie beenden ihre Sportkarriere und werden im besten Fall an eine therapeutische Adresse verwiesen und basta! Hier laufen alle Beteiligten noch in eine grosse Sackgasse. Denn der offizielle Schweizer Sport hat keine Antwort, denn niemand ist zuständig.
Dabei wäre und ist es gerade eine typisch schweizerische Tugend und grosse Stärke, dranzubleiben und mit einem guten Plan das Ziel beharrlich zu verfolgen. Als Team wird es möglich sein, dies zu erreichen. Selbstverständlich nicht ohne Hindernisse, denn der Sport ist ein ganz normaler Bereich unserer Gesellschaft. Der bevorstehende Kulturwandel wird wie jeder Change-Management-Prozess die üblichen Ausreden und Abwehrmechanismen auslösen. Wer vom Sport etwas anderes, vielleicht Besseres erwartet, verkennt die Situation und ist nicht nur hoffnungsloser Romantiker, sondern sollte sich zwingend besser informieren.

Tabelle 2: Die 13 Punkte für Safeguarding im Sport von Health4Sport

Von Dranbleiben, Leadership und Commitment und wo diese leider fehlen

«If it takes a village to raise a child, it takes a village to abuse one.» Dieses Zitat von Stanley Tucci in der Rolle als Mitchell Garabedian stammt aus dem Film Spotlight, in welchem von einem Journalistenteam der Tageszeitung The Boston Globe dokumentarisch die Missbrauchsfälle der römisch-katholischen Kirche von Boston ans Licht gebracht werden [18]. Der erste Teil der Aussage «It takes a village to raise a child» entstammt einer afrikanischen Redensart, welche in der englischen Sprache aufgenommen worden ist und sinngemäss meint: Jedes Mitglied einer Gruppe von Menschen, welche zusammenleben (community), soll sich einsetzen und positiv mit Kindern interagieren, damit diese Kinder in einem sicheren und gesunden Umfeld aufwachsen können [19].
Nun, was hat der Sport denn mit der römisch-katholischen Kirche zu tun? Grundsätzlich wenig, ausser dass beide Organisationen eigentlich das Wohl des Individuums im Fokus haben. Aber haben Sie sich schon einmal überlegt, wie viele Parallelen speziell der Nachwuchsleistungssport und die römisch-katholische Kirche dann eben doch aufweisen? Oder tauschen Sie doch einmal das Wort «village» mit «sport community» oder einem Sportverbandsnamen Ihrer Wahl aus [20].
Dieser Schluss des Artikels soll nochmal darauf hinweisen, dass alle gefordert sind. Die Gruppe Ethik und Sport von Swiss Olympic rund um Samuel Wyttenbach und Natalie Barker-Ruchti arbeitet unermüdlich an ihren Projekten weiter. Diese Arbeit ist wertvoll und wichtig und wird der Thematik eine gute Richtung geben.
Vermutlich braucht die Thematik des Safeguardings alle diejenigen Personen im Schweizer Sport, welche die Zivilcourage aufbringen, sich ernsthaft, ehrlich und mit Verantwortung für die Werte des Sports in der Schweiz einzusetzen. Vermutlich sind einige Menschen darunter, welche mehrmals in der Woche Trainings für Kinder und Jugendliche leiten. Vermutlich auch solche in mittleren Kaderpositionen irgendwo in einem Sportverband oder grösseren Sportverein – aus den 196 Verbänden und 19 000 Vereinen der Schweiz. Denn ganz oben, im Bundesamt für Sport (BASPO) und auch auf Seite der Behörden, klemmt irgendetwas, es geht im Zeit­lupentempo vorwärts. Entweder haben diese Personen nicht ausreichend Gestaltungspotenzial, sind ernsthaft überfordert oder sie nehmen das Thema nicht genügend ernst. Eventuell sind sogar alle drei zutreffend?
Zeit zu handeln und Dinge anzupacken ist eigentlich nicht jetzt, es war gestern. Ehrlicherweise müssen wir alle zuerst in den Spiegel schauen und uns die folgende Frage stellen: Sind wir ausreichend über die Thematik des Safeguardings im Sport informiert? Machen wir alles, was wir können, um (junge) Menschen im Sport vor missbräuchlichen Situationen und einem entsprechenden Umfeld zu schützen, zu begleiten, und falls erforderlich Missbrauch zu erkennen und zu melden? Setzen wir alle uns verfügbare Kraft ein, um diesen Wandel voranzutreiben? Geben wir Missbrauch im Sport keine Chance und legen wir mit Safeguarding los.

Korrespondenz

German Clénin, Dr. med.,
Bern-Ittigen, Schweiz
german.clenin@smzbi.ch

Literatur

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