SEMS-journal

Activity guidelines for children and adolescents in Germany, Austria and Switzerland

Bewegungs-Richtlinien für Kinder und Jugendliche in Deutschland, Österreich und der Schweiz

Graf C1, Kriemler S2, Titze S3
1 Institut für Bewegungs- und Neurowissenschaft, Deutsche Sporthochschule Köln, Köln, Deutschland
2 Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention, Universität Zürich, Zürich, Schweiz
3 Institut für Sportwissenschaft, Karl-Franzens-Universität Graz, Graz, Österreich

Abstract

The benefits of physical activity for the healthy development of children and adolescents are now undisputed. Therefore, recommendations for physical activity based on current ­scientific knowledge are installed. Although there are national differences, the primary goal is to motivate children and ­adolescents in different settings to be more active and less inactive. The extent to which this is possible or what factors are necessary at a political, scientific and actor-oriented level is critically discussed in this article.

Key words: physical activity, activity guidelines, children, adolescents, sedentary lifestyle

Zusammenfassung

Der gesundheitliche Nutzen von Bewegung für die gesunde Entwicklung von Kindern und Jugendlichen ist heutzutage unumstritten. Entsprechend gibt es Bewegungsempfehlungen, die auf den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren. National finden sich – je nach Schwerpunkten – Unterschiede; letztlich ist aber das Ziel, Kinder und Jugendliche in ihren verschiedenen Lebenswelten zu mehr Bewegung und weniger Inaktivität zu motivieren. Inwiefern dies möglich ist bzw. welche Faktoren dazu auf politischer, wissen­chaftlicher und anwenderorientierter Ebene notwendig sind, wird in diesem Beitrag kritisch beleuchtet.

Schlüsselwörter: Körperliche Aktivität, Bewegungsempfehlungen, Kinder, Jugendliche, sitzender Lebensstil

Einleitung

Bewegungsempfehlungen basieren auf den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen über den gesundheitlichen ­Nutzen von körperlicher Aktivität bzw. die Folgen eines zunehmend inaktiven Lebensstils. Zusammengefasst werden darin die empfohlene Dauer, Häufigkeit, Intensität und Art der körperlichen Aktivität pro Woche beschrieben. Trotz gleicher Datenbasis finden sich bezüglich der Richtlinien für Kinder und Jugendliche unterschiedliche Angaben; nicht zuletzt ist dies auf verschiedene Methoden der Entstehung und deren Interpretation zurückzuführen.
In diesem Beitrag werden die Bewegungsempfehlungen für Kinder und Jugendliche und deren Entwicklung allgemein bzw. spezifisch aus den drei deutschsprachigen Ländern Deutschland (DE), Österreich (AT) und Schweiz (CH) vorgestellt. Zusätzlich werden auf dieser Basis folgende Aspekte diskutiert:
Sind nationale Bewegungsempfehlungen ausreichend, um das Bewegungsniveau der Kinder und Jugendlichen zu steigern? Welcher weiterführender Massnahmen bedarf es, um erfolgreiche Bewegungsförderung bevölkerungsweit zu implementieren?

Historische Entwicklung und aktuelle Empfehlungen in DE, AT und CH

Im Jahr 1998 veröffentlichte die Health Education Authority das Dokument «Young and Active», in dem vermutlich zum ersten Mal statt 30 Minuten für Kinder und Jugendliche 60 Minuten Bewegung mit zumindest mittlerer Intensität pro Tag empfohlen wurden. Weiter heisst es in den Empfehlungen, dass an zwei Tagen der Woche das Bewegungsangebot zur Kräftigung der Muskulatur, Verbesserung der Beweglichkeit und zur Stärkung der Knochen beitragen soll (­Biddle et al., 1998). 2002 folgten in Kanada (Tremblay, 2010) und 2005 in den USA Bewegungsempfehlungen für Kinder und Jugendliche (Strong et al., 2005). Die Grundlagen der Empfehlung in den USA waren vor allem Interventionsstudien, mit denen gezeigt werden konnte, dass drei- bis fünfmal pro Woche angebotene 30- bis 45-minütige strukturierte Be­wegungseinheiten eine Vielzahl an Gesundheitsparametern, wie beispielsweise Steigerung der körperlichen Leistungs­fähigkeit, Kraft, Koordination und Geschicklichkeit, ­Stärkung der Knochen, positiv beeinflussen und die Wahrscheinlichkeit einer ungesunden Gewichtszunahme und Entwicklung einer Depression verringern (z. B. Smith et al., 2014). Daraus wurden schliesslich «60 Minuten tägliche Bewegung» abgeleitet. Dieser Umfang entstand, da interindividuelle Variationen in Bezug auf die Wirkung angenommen und kurze körperliche, nicht strukturierte (Alltags-)Aktivitäten einbezogen wurden (Titze & Oja, 2014). Zwischen 2004 und 2011 wurden in 12 Ländern der Region WHO Europa Bewegungsempfehlungen für Kinder und Jugendliche publiziert (Kahlmeier et al., 2015). Zusammengefasst werden in den meisten der aktuellen nationalen Empfehlungen in Anlehnung an die WHO (2010) 60 Minuten körperliche Aktivität pro Tag mit mittlerer bis höherer Intensität empfohlen. Die empfohlene Dauer wird häufig mit dem Hinweis verbunden, dass es sich um ein ­Minimum handelt und ein «Mehr» an Bewegung zu einem höheren gesundheitlichen Nutzen führt.
In der Schweiz wurden Bewegungsempfehlungen für Kinder und Jugendliche zum ersten Mal 2006 veröffentlicht und 2013 aktualisiert (Bundesamt für Sport, 2013). In Österreich wurden 2010 zum ersten Mal Bewegungsempfehlungen für Kinder/Jugendliche veröffentlicht (Fonds Gesundes ­Österreich, 2010). In Deutschland folgten 2012 ein erster ­Expertenkonsens bezüglich nationaler Empfehlungen (Graf et al., 2013, 2014) bzw. darauf aufbauend eine Differenzierung nach verschiedenen Altersstufen 2016 (Rütten & Pfeifer, 2016). In Tabelle 1 sind die aktuellen Bewegungsempfehlungen der drei Länder und zum Vergleich die WHO-Bewegungsempfehlungen aufgelistet.

Guidelines: Papiertiger oder sinnvolle ­Hilfe­stellung?

Bewegungsempfehlungen sind eine notwendige, aber nicht ausreichende Strategie, das Bewegungsniveau auf Bevölkerungsebene zu erhöhen (Titze & Oja, 2012). Für Erwachsene konnten Troiano und Haskell (2010) zeigen, dass die Publikation von Bewegungsempfehlungen das Bewegungsniveau bei Erwachsenen nicht beeinflusste. Vermutlich gilt diese Aussage auch für Kinder und Jugendliche. Nicht zuletzt mag dies darauf zurückzuführen sein, dass bislang generell kein Königsweg in der Prävention und Gesundheitsförderung, zumeist analysiert im Kontext Übergewicht, bekannt ist ­(Waters et al., 2011). Multimodale und niederschwellige verhältnis­präventive Massnahmen gelten als am erfolgversprechendsten (Huang et al., 2015). Allerdings ist die Datenlage noch dünn (Bolton et al., 2017).
Daher stellt sich zunächst die Frage, für wen Bewegungsempfehlungen formuliert werden. Unter dem Aspekt «verhältnispräventiver Ansatz» und/oder Public Health gilt zunächst, dass die Bewegungsempfehlungen vorerst für Personen im Gesundheitssystem oder Verantwortliche in unterschiedlichen Settings als Orientierungsrahmen ausformuliert wurden. Um aber das Wissen über die Bewegungsempfehlungen in der Bevölkerung zu verbreiten und in der Folge das Bewegungsniveau der Zielgruppen zu erhöhen, sind zwingend weitere Massnahmen wie die Erstellung von Informationsgrafiken, motivierende Videoclips, wie sie in Kanada laufen (Tremblay et al., 2010; s. z. B. http://www.csep.­ca/home), Umsetzungskampagnen sowie politische Gesetze notwendig.
Eine logische Folge von Bewegungsempfehlungen – und von der WHO (2006) empfohlen – sind politisch lancierte «Nationale Aktionspläne zur Förderung körperlicher Akti­vität», in denen unterschiedliche Sektoren wie Verkehr, ­Gesundheit, Schule, organisierter Sport usw. in die Pflicht genommen werden. Und schliesslich wird es nur mithilfe eines regelmässigen Bewegungsmonitorings möglich sein, die Effekte der gesetzten Massnahmen zu beurteilen. Mit einer entsprechend verbesserten Datenlage über die Wirkungen der empfohlenen «Dosis» an Bewegung bzw. der ­«Maximaldosis» von Sitzzeit lassen sich wiederum verbindlichere Aussagen über Umfänge und Intensitäten, aber auch den Nutzen von Interventionen treffen.

Die Notwendigkeit politischer Strategien

Daraus ergeben sich für die verschiedenen Akteure und Akteurinnen folgende Massnahmen bzw. Forderungen:

Tabelle 1: Bewegungsempfehlungen für Kinder und Jugendliche in DE, AT, CH im Vergleich mit der WHO (2010)

Zusammenfassung

Zusammengefasst gibt es sowohl in Deutschland, Österreich und der Schweiz Bewegungsempfehlungen für Kinder und Jugendliche. Das mag zunächst erfreulich sein. Damit diese aber nicht nur auf dem Papier stehen, sondern tatsächlich dazu beitragen, die Gesundheit von Kindern und Jugend­lichen zu fördern, ist eine Vielzahl von Schritten erforderlich. Diese wiederum betreffen und fordern von sämtlichen Ebenen aus Politik, Wissenschaft und Praxis ein ressourcenorientiertes und qualitätsgesichertes Vorgehen. Davon scheinen wir in allen drei Ländern aktuell leider noch weit entfernt zu sein.

Korrespondenzadresse

Prof. Dr. med.
Dr. Sportwiss. Christine Graf
Deutsche Sporthochschule Köln
Institut für Bewegungs- und
Neurowissenschaft
Abteilung Bewegungs- und
Gesundheitsförderung
Am Sportpark Müngersdorf
50933 Köln
Tel. 0221 / 498 252 90 /-5230
Fax 0221 / 498 282 80
c.graf@dshs-koeln.de

Referenzen

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