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Postgraduate Lehrgang «Master of Science in Sportmedizin» der Universität für Weiterbildung Krems – Eckpunkte und Erfahrungsbericht

Zeitler Cornelia
Universitätsklinik für Orthopädie und Traumatologie Innsbruck, A-6020 Innsbruck

Sportmedizinische Zusatzausbildungen gibt es gefühlt wie Sand am Meer. Da gibt es auf nationaler Ebene das Diplom für Sportmedizin in Österreich, die Zusatzbezeichnung Sportmedizin in Deutschland sowie das Fähigkeitsprogramm Sportmedizin in der Schweiz. Als trinationale Gesellschaft bietet die GOTS für den deutschsprachigen Raum noch ein eigenes Sportarzt-Zertifikat an. Hinzu kommen unzählige Kurse und Kongresse, die oft hervorragende Inhalte anbieten, sich aber zugegebenermassen wohl unter anderem (oder vor allem?) auch wegen des sportlichen Rahmenprogramms und der sozialen Komponente grosser Beliebtheit erfreuen. Manch einer verliert in dieser Vielzahl an Angeboten durchaus auch einmal den Überblick, fängt die eine Fortbildungsreihe an, verlegt dann den Ausbildungsschwerpunkt in ein anderes Land, belegt hier einen Kurs, besucht dort einen Kongress. Eine Anrechenbarkeit auf die jeweils im Heimatland begonnene Schiene ist dabei nicht möglich. Ebenso zählt eine im Nachbarland erworbene und beendete Zusatzausbildung in der Heimat wiederum nicht. Hier setzt nun das Konzept eines entsprechend des Bologna-Prozesses international anerkannten Masterlehrganges für Sportmedizin an, dessen Inhalte und Akkreditierung die Ausbildung auch in anderen Ländern vergleichbar machen. Als solche umfasst die Ausbildung fünf Semester berufsbegleitend, die von der Universität für Weiterbildung Krems sowohl am Standort Krems als auch an diversen anderen Standorten im deutschsprachigen Raum (Salzburg, Leipzig, Basel, Straubing, Luxemburg), oftmals angebunden an entsprechende Sportstätten oder sportspezifische Einrichtungen, abgehalten werden. Voraussetzungen für die Studienberechtigung sind ein Hochschulabschluss eines ordentlichen österreichischen oder gleichwertigen ausländischen Studiums der Humanmedizin sowie der positive Abschluss eines Bewerbungsgesprächs. Zusätzlich muss zumindest bis zum Studienabschluss eine der Zusatzausbildungen in Sportmedizin ergänzend absolviert worden sein (z.B.: ÖÄK-Diplom ‹Österreich›, oder Zertifikatslehrgang der GOTS, oder Fähigkeitsausweis in der Sportmedizin ‹FASM› ‹Schweiz›, oder Zusatzbezeichnung Sportmedizin ‹Deutschland›).

Einblicke in die medizinische Mannschaftsbetreuung des FC Basel.

Die bereits etablierten Ausbildungsformen werden damit in ihrer Wertigkeit anerkannt und als gute Ergänzung zum Lehrgangscurriculum gesehen, wenn auch unumgänglich ist, dass manche Themen dadurch mehrfach aufgegriffen werden. Auch dieses Phänomen kommt bei vielen sportmedizinischen Tagungen vor und muss nicht immer schlecht sein, da gängige Konzepte und Meinungen gerade dadurch gegenübergestellt und diskutiert werden können. Gerade in der Sportmedizin wird in vielen Bereichen wohl vermehrt «Eminence-based Medicine» betrieben. In einer Fachrichtung mit so viel Praxisbezug, in der es sportartspezifisch so viele Unterschiede gibt, sind die Erfahrungen einzelner, die in diesem Bereich schon lange tätig sind, von unfassbarem Wert. Die entsprechenden Fachgesellschaften, Gremien und Komitees bemühen sich, diese Erfahrungen zu bündeln und in Form von diagnostischen und therapeutischen Algorithmen der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Letztlich braucht es aber in diesem Prozess dringend auch die wissenschaftliche Evidenz, um diese Empfehlungen zu stützen und auch zu überprüfen. Die Idee, die sportmedizinische Ausbildung in ein universitäres und damit wissenschaftliches Setting zu bringen, könnte daher der erste wichtige Schritt sein, um auch im deutschsprachigen Raum die wissenschaftliche Basis in der Sportmedizin zu fördern und zu stärken. Im Rahmen des Masterlehrganges werden die notwendigen Tools und Fertigkeiten in einem eigenen Modul für «Evidence-based Medicine» in Zusammenarbeit mit Cochrane Österreich vermittelt, die dann durch die ständige kritische Auseinandersetzung mit sportmedizinischen Inhalten und Quellen, genauso wie durch die eigenständige Konzeptualisierung und Durchführung einer Masterarbeit praktische Anwendung finden. In insgesamt zwei Masterthesenseminaren werden die StudentInnen hier während des Studiums durch diesen Prozess begleitet. In den folgenden Modulen werden weitere grundlegende Thematiken in der Sportmedizin Stück für Stück von den jeweiligen Spezialisten aufgerollt. Die entsprechenden Module befassen sich dabei unter anderem mit Kommunikation und Präsentation, sowie Grundlagen der Forschung am Bewegungsapparat (Modul 2), Sportpsychologie und -pädagogik, Ethik im Sport, Ernährung, Recht, Doping- und Antidopingmassnahmen im Breiten- und Leistungssport (Modul 5), regenerativer Medizin und Biotechnologie (Modul 8).

Hands-on: Biomechanische Testungen am IAT Leipzig.

Im vergangenen Lehrgangszyklus hat die Universität für Weiterbildung Krems in Reaktion auf die Corona-Pandemie diese «theorielastigeren» Module gezwungenermassen im Online-Format abgehalten, um die Durchführung garantieren zu können. In dieser Form waren die einzelnen Module zwar zeitlich leichter in den Arbeitsalltag zu integrieren (da An- und Abreise schon einmal wegfallen), die Aufmerksamkeitsspanne (zumindest meine) beschränkte sich jedoch meist auf zwei, maximal drei Vorträge, bevor die nebenbei ablaufende Gartenarbeit oder das Ergometertraining oder gar die im Dienst zu versorgenden Patienten doch wieder mehr Aufmerksamkeit gefunden haben.
Die Freude auf die ersten «wirklichen» Module war daher gross. Und die Erwartung wurde in keinster Weise enttäuscht. Modul 3 in Leipzig wurde in unserem Fall verspätet abgehalten, dafür aber glücklicherweise in Präsenz. Die ­Thematik um «Betreuungsmodelle von (Leistungs-)SportlerInnen und Sportmedizinische Betreuung, Kraft und Ausdauersport, Biomechanik, Training» konnte dabei am IAT – Institut für Angewandte Trainingswissenschaft – in Leipzig im wahrsten Sinne des Wortes hautnah miterlebt werden. Der Zweig für «Orthopädisch, traumatologisch, physikalische Sportmedizin» hat nun kürzlich ein weiteres Modul (Modul 7a) in Anwesenheit in Basel absolviert, bei dem vor allem sportspezifische Verletzungen der unteren Extremität sowie die sportmedizinische Betreuung spezieller Personengruppen (Kinder, SeniorInnen, Behinderte) im Zentrum stand. Vor allem die damit verbundene Exkursion in das Paraplegikerzentrum in Nottwil hinterliess dabei grössten Eindruck, und zumindest ich muss zugeben, dass ein wenig von dem Feuer, das dort für den Behindertensport brennt, durchaus auch übergesprungen ist und eine neue Faszination entfacht hat. Die KollegInnen des Zweiges für «Leistungspysiologische, internistische und pädiatrische Sportmedizin» haben indes von einem ebenso spannenden und lehrreichen Modul (Modul 7b) zum Thema Spiroergometrie und Herz in Krems (Institut für Präventiv- und Angewandte Sportmedizin Krems) und Salzburg (Universitätsinstitut für präventive und rehabilitative Sportmedizin, Institut für Sportmedizin des Landes Salzburg, Sportmedizin des Olympiazentrums Salzburg-Rif) berichtet.

Klinische Testung bei sportspezifischen Verletzungen des Sprunggelenkes mit Prof. Victor Valderrabano.

Mit der Absolvierung der beiden letzten Module diesen Sommer (Orthopädisches Modul 8a – Betreuung spezieller Personengruppen: Kinder, Betreuung bei speziellen Erkrankungen, Schwerpunkt Knie und Wassersport in Luxemburg und Modul 9 – Rehabilitation und Back to Sports nach Operationen an der OE und UE in Straubing) sowie dem Abschluss der Masterarbeit gehen damit für uns bald zwei fortbildungstechnisch sehr interessante Jahre zu Ende. Dass ein Lehrgang mit praktischer Relevanz unter den mit Covid-19 bedingten Einschränkungen leidet, muss glaube ich nicht erläutert werden. Trotz allem wurden in meinen Augen jedoch die angekündigten Inhalte ausreichend gut vermittelt und umso packender und faszinierender waren die praktischen Module. Vor allem der Austausch mit gleichgesinnten KollegInnen kann auf Online-Basis nie in der gleichen Form stattfinden, wie wenn man als gemeinsamer Jahrgang alle paar Wochen zusammentrifft, sich als Gruppe immer besser kennenlernt und die Möglichkeit hat, das gerade Gehörte gemeinsam aufzuarbeiten und vielleicht auch zu diskutieren. Dieser Diskurs, insbesondere über die nationale Ebene hinaus, stellt für mich einen der wesentlichsten Pluspunkte des Masterlehrgangs dar.

Korrespondenz

Dr. Cornelia Zeitler
Assistenzärztin
Universitätsklinik für Orthopädie
und Traumatologie Innsbruck
Anichstrasse 35, A-6020 Innsbruck
c.zeitler@hotmail.com

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