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Vorbereitung zum Team Coverage – Aufgaben und Kompetenzen der Sportphysiotherapie

van Duijn Arjen, Bechter Susann
Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Departement Gesundheit, Institut für Physiotherapie

Abstract

This article describes the core competencies of sportsphysiotherapy, illustrates these with clinical examples and shows how these competencies are instructed in the master of science program in sportsphysiotherapy at the swiss univesity of applied science in (ZHAW) in Winterthur switzerland.

Zusammenfassung

Dieser Artikel beschreibt die Kernkompetenzen der Sportphysiotherapie, illustriert diese mit Praxisbeispielen und zeigt am Beispiel der Ausbildung Master of Science in Sportphysiotherapie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Winterthur auf, wie die Kernkompetenzen unterrichtet werden.

Introduction

Die Sportphysiotherapie ist heutzutage ein fester Bestandteil des Betreuungsangebots eines Teams oder einzelner Athletinnen und Athleten. Die Rolle und der Verantwortungsbereich der Sportphysiotherapie variieren je nach Grösse des Betreuerstabs, die Kompetenzanforderungen an die Sportphysiotherapeutinnen und -therapeuten sind entsprechend unterschiedlich. In der einen Situation ist eine Sportphysiotherapeutin als Einzelperson mit polymodaler Funktion im Einsatz, in der anderen erfüllt ein Sportphysiotherapeut eine spezifische Funktion als Teil des medizinischen Betreuer­stabs in einem professionellen Team. Einige Sportphysiotherapeutinnen und -therapeuten widmen sich den akuten Ereignissen und sind hauptsächlich am Spielfeldrand aktiv, andere arbeiten in sportspezifischen Rehabilitationskliniken, in welchen nach grösseren Traumata oft Monate dauernde Rehabilitationen durchgeführt werden.
Um diesen vielfältigen Aufgaben und hohen Anforderungen gerecht zu werden, bedarf es fortgeschrittener Kompetenzen, die nicht in der Grundausbildung zur Physiotherapeutin/zum Physiotherapeuten gelernt werden. In diesem Artikel erfahren Sie am Beispiel der Ausbildung Master of Sciene in Physiotherapie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), wie die Studierenden auf das spannende Berufsfeld der Sportphysiotherapie vorbereitet werden [1]*.

Methods

Kompetenzbereich der Sportphysiotherapie

Sportphysiotherapeutinnen und -therapeuten sind anerkannte Fachkräfte mit fortgeschrittenen Kompetenzen in der Förderung sicherer körperlicher Betätigung, der Bereitstellung von Beratung und der Anpassung von Rehabilitations- und Trainingsinterventionen zum Zwecke der Verletzungsprävention, der Wiederherstellung optimaler Funktionen und des Beitrags zur Verbesserung der sportlichen Leistung bei Athletinnen und Athleten aller Alters- und Befähigungsstufen**, wobei ein hoher Standard beruflicher und ethischer Praxis gewährleistet wird.
Angesichts des breiten Arbeitsspektrums der Sportphysiotherapie ist es eine Herausforderung, die Kompetenzbereiche vollständig zu umschreiben. Im Master of Science in Sportphysiotherapie an der ZHAW wird eine an das CanMEDS Model of Competencies [2] angelehnte Variante verwendet, die das Arbeitsgebiet der Sportphysiotherapie umfassend abbildet.



Im Zentrum des Modells stehen die Kernkompetenzen der Sportphysiotherapie (manager of the patient/client 1.–4.).
In der Ausbildung zur Sportphysiotherapeutin/zum Sportphysiotherapeuten nehmen diese Themen einen grossen Teil des ersten Semesters in Anspruch. Die weiteren Kompetenzen (5–11) werden im vierten Semester sowie in den Forschungsmethoden unterrichtet.

* Seit 2016 wird diese als konsekutive, dreijährige, berufs­begleitende Ausbildung angeboten. Nebst einem fundierten Wissen in Forschungsmethoden werden die Kernkompetenzen der Sportphysiotherapie erworben.
** Die Beschreibung «alle Alters- und Befähigungsgruppen» beinhaltet spezifische Bevölkerungsgruppen, etwa Kinder, Jugendliche, ältere Menschen, aber auch Personen mit Behinderungen, welche ihre Teilnahme einschränken. Sie bezieht sich auch auf Unterschiede der sportlichen Fähigkeiten auf den verschiedenen Ebenen zwischen Breiten- und Spitzensport. [2]

Primärprävention (Prävention von Sportverletzungen)

Prävention von Sportverletzungen ist ein wichtiger Teil des physiotherapeutischen Alltags. Sportphysiotherapeutinnen und -therapeuten werden durch ihre Nähe zum Club und den Athletinnen und Athleten sowie die Anwesenheit bei Trainings oft in die Konzeptualisierung und Durchführung von diversen Präventionsprogrammen involviert. Daher wird in der Ausbildung in diversen Modulen auf das Thema Prävention eingegangen. Die Studierenden lernen, Sportarten in Bezug zu den physischen und psychischen Belastungsvariablen, der Kausalität der Verletzungsarten und der Verletzungshäufigkeit zu analysieren. Weiter lernen sie, mittels Assessments die individuellen Stärken und Schwächen der Athletinnen und Athleten zu eruieren und dadurch individuelle Programme zur Vorbeugung von Verletzungen zu erstellen oder auch generelle verletzungspräventiv wirksame Programme zu erkennen und zu implementieren.

Sekundärprävention (Prävention in der Rehabilitation)

Die Prävention ist auch in der Rehabilitation ein wichtiges Element. In spezifischen Modulen lernen die Studierenden akute und chronische Sportverletzungen zu untersuchen und zu behandeln. Hierbei werden sie geschult, Zusammenhänge zwischen der Ursache der Verletzung und möglichen prädisponierenden oder perpetuierenden Faktoren zu erkennen und präventive Massnahmen zur Vermeidung der bestehenden Pathologie in die Rehabilitationsprogramme zu integrieren.

Tertiärprävention (wenn die Rehabilitation nicht vollständig gelingt)

Leider heilen nicht alle Sportverletzungen vollständig aus. In einigen Situationen kann die Athletin/der Athlet nur unter grössten Anstrengungen wieder an die ehemaligen Spitzenleistungen anknüpfen [3]. Sportphysiotherapeutinnen und -therapeuten werden geschult, diesen Prozess zu betreuen und hierbei jeweils einzuschätzen, ob die Rehabilitationsschritte in Bezug zur Leistungsfähigkeit sinnvoll sind, und zugleich zu beurteilen, ob durch Weiterbetreiben der Trainings in dieser Sportart keine permanenten gesundheitsschädigenden Konsequenzen generiert werden.

Akute Intervention

Um die angehenden Sportphysiotherapeutinnen und -therapeuten auf den Einsatz am Spielfeldrand vorzubereiten, werden Assessments für sportspezifische Verletzungen unterrichtet. Die Assessments umfassen die muskuloskelettalen, kardiovaskulären und neurologischen Befunde (z.B. Gehirn­erschütterung) unter Berücksichtigung der Abgrenzung der Kompetenzbereiche zwischen Teamärztin/Teamarzt und Sportphysiotherapie.
Die Interventionsmöglichkeiten in Wettkampfsituationen sind mannigfaltig und können je nach Grösse des Betreuerteams sehr umfassend sein. Die folgenden wichtigsten Interventionsmethoden werden in verschiedenen Modulen unterrichtet: Erste-Hilfe-Massnahmen bei Sportverletzungen, manuelle Therapie, Massagen, regenerative Massnahmen, elektrotherapeutische Interventionen, Durchführung des Warm-up und Cooling-down bei Wettkämpfen, sportpsychologische Aspekte (Kompetenzabgrenzung respektierend), Taping, unterstützende Arbeiten des Trainerstabs und unterstützende Arbeiten des Medical Teams.

Rehabilitation

Der Bereich Rehabilitation unterscheidet sich stark vom Bereich akute Intervention und der Betreuung am Spiel­feld­rand. In der Ausbildung wird ein spezieller Fokus auf den Bereich «Rehabilitation» gelegt, da es für die Rehabilitation diverser Fachkenntnisse bedarf, und weil Sportphysiotherapeutinnen und -therapeuten im Rehabilitationsprozess von Athletinnen und Athleten eine zentrale Rolle spielen und somit auch ihre Verantwortung sehr gross ist. Als Grundlage wird das Sports Clinical Reasoning unterrichtet, welches auf dem im Bachelor Studiengang erlernten Clinical Reasoning basiert. Das Sports Clinical Reasoning dient dazu, die Behandlung auf ein rationelles Denk- und Handlungsmuster abzustützen. Um eine strukturierte Rehabilitationsplanung durchführen zu können, wird ein Flowchart verwendet [3]. In einem ersten Schritt werden patienten-, sportart- und trainingsspezifische Informationen gesammelt und analysiert [3]. (Abb. 1).

Abb. 1: Flowchart: Übersicht über die drei Hauptgebiete, welche analysiert werden müssen.

Patientenspezifische Information

Bei den patientenspezifischen Informationen wird viel Wert auf die Analyse der Wundheilungsstadien und Wundheilungsprozesse der involvierten Strukturen gelegt, denn die Wundheilung bildet ein Grobraster für die Intervention und diktiert zum Teil die Rehabilitationsprogression. Als Nächstes wird die biomechanische Belastbarkeit der verletzten Strukturen eruiert. Hierfür muss die Sportphysiotherapeutin / der Sportphysiotherapeut regelmässig Assessments durchführen und Rücksprache mit den Sportärztinnen und den Chirurgen nehmen. Schliesslich muss die Sportphysiotherapeutin / der Sportphysiotherapeut Informationen bezüglich des konditionellen Zustandes der Sportlerin / des Sportlers vor der Verletzung einholen. Die Informationen sollen Hinweise zu möglichen kausalen, prädisponierenden oder perpetuierenden Faktoren geben, welche zur Verletzung geführt haben können (Abb. 2).

Abb. 2: Flowchart mit patientenspezifischen Informationen aus dem Standardbefund, der medizinisch-biomechanischen Information und dem sportspezifischen Leistungsniveau der Athletin / des Athleten vor dem Trauma.

Sportanalyse

Die Sportanalyse ist ein wichtiges Element des Clinical Reasoning-Prozesses. Sie dient dazu, eine Übersicht über die physischen Belastungen der Sportart zu geben [4]. Für bekannte Sportarten sind die Belastungsvariablen einfach zu recherchieren, für weniger bekannte Sportarten lernen die Studierenden, selbstständig eine Analyse durchzuführen (Abb. 3).

Abb. 3: Elemente der Sportanalyse allgemein.


Mittels der Analyse wird bestimmt, in welchen Bereichen der grundmotorischen Eigenschaften die Schwerpunkte der Belastung liegen. Diese Information wird wiederum verwendet, um die Kriterien des Return to Practice (RTP) und des Return to Competition (RTC) für die Athletin / den Athleten festzulegen. Somit hat man, nachdem der Istzustand bei der patientenspezifischen Analyse bestimmt worden ist, auch einen Sollwert etabliert und kann nun die Rehabilitationsplanung über die motorischen Grundeigenschaften fundierter durchführen (Abb. 4).

Abb. 4: Sportanalyse nach den motorischen Grundeigenschaften.

Analyse der Trainingsplanung

Eine gründliche Analyse der Trainingsplanung kann Aufschlüsse über die Verletzung geben und ist notwendig, um anhand der Periodisierung den Zeitpunkt des RTP und des RTC festzulegen. In der Ausbildung werden daher die Grundlagen der Trainingslehre in diversen Modulen unterrichtet, damit die angehenden Sportphysiotherapeutinnen und -therapeuten die Periodisierung und Trainingspläne analysieren, mit dem Trainerstab kommunizieren und vor allem bei der physiotherapeutischen Rehabilitationsplanung mit den Ärztinnen und Ärzten sowie den Trainerinnen und Trainern zusammen beurteilen können, zu welchem Zeitpunkt die Athletin/der Athlet aus der Rehabilitation wieder in die regulären Trainings (RTP) und Wettkämpfe (RTC) wechseln kann.

Rehabilitationsplan

Im Unterricht lernen die Studierenden, einen Rehabilitationsplan mithilfe des «Rehaframes» zu erstellen [5]. Der Rehabilitationsplan führt mehrere Komponenten übersichtlich zusammen und dient als Vorschlag in Bezug zum Ablauf und Zeitrahmen der Rehabilitation. Er kann der Athletin/dem Athleten, Trainerinnen und Trainern sowie den Ärztinnen und Ärzten zur Verfügung gestellt werden. Der Rehabilitationsplan enthält Angaben zu den Wundheilungsphasen, den einzelnen Rehabilitationsschritten und den Assessments, welche zur Steuerung der Progression eingesetzt werden. Zudem wird eine Aussage gemacht, wann die Athletin/der Athlet aus physiotherapeutischer Sicht wieder zum Training (RTP) oder Wettkampf (RTC) zurückkehren kann. Der Rehabilitationsplan muss unter Umständen öfters angepasst werden (verzögerte Heilung, Nichterreichen eines wichtigen Assessmentkriteriums). Zugleich ist das Rehaframe mit den sechs Stufen ein geeignetes Hilfsmittel, um über einen komplexen Prozess Übersicht bewahren zu können (Abb. 5).

Abb. 5: Beispiel einer Rehabilitationsplanung, welche die Wundheilungsphasen, die Rehabilitationsstufen, die grundmotorischen Eigenschaften, die Assessment Momente (A1–A8) und die Periodisierung enthält. Der mögliche Wiedereinstieg (RTP und RTC) sind hieraus ersichtlich.

Anhand des Übersichtsplans wird anschliessend die Feinplanung der Rehabilitation der verschiedenen Grundeigenschaften erstellt (Abb. 6).

Abb. 6: Beispiel der Rehabilitationsplanung in der grundmotorischen Eigenschaft Kraft.

Der Flowchart Rehabilitation dient zur Unterstützung des klinischen Denkprozesses (Clinical Reasoning), welcher schliesslich durch häufige Repetition verinnerlicht wird. Die Schemata der grundmotorischen Eigenschaften sollen helfen, bei der komplexen Rehabilitation systematisch vorgehen zu können, sind aber keineswegs als strikt zu befolgendes Rezept gedacht.

Return to Practice (RTP) und Return to Competition (RTC)

Diese Themen werden in der Ausbildung ebenfalls in den entsprechenden Modulen angesprochen. Unter anderem werden Entwicklungen der diversen Testbatterien für die physischen und psychischen Return to Sport-Kriterien besprochen [6].

Practical implications

Das Einsatzgebiet der Sportphysiotherapie und die Aufgaben der Therapeutinnen und Therapeuten im Sport sind vielfältig. Sportphysiotherapeutinnen und -therapeuten können den hohen Anforderungen nur mit einer entsprechenden Ausbildung gerecht werden. Anhand der Struktur der Ausbildung Master of Science in Sportphysiotherapie der ZHAW wurde aufgezeigt, wie die Studierenden auf die künftige Ausübung ihres Berufs vorbereitet werden.

Acknowledgments, conflict of interest and ­funding

Es bestehen keine Interessenkonflikte.

Corresponding author

Arjen van Duijn
Zürcher Hochschule für
Angewandte Wissenschaften,
Departement Gesundheit,
Institut für Physiotherapie
Postfach, 8401 Winterthur
Tel. 078 690 33 88
E-Mail: vaen@zhaw.ch

Références

  1. https://www.zhaw.ch/storage/gesundheit/studium/master/physiotherapie/klinische-schwerpunkte/kurzbeschreibung-schwerpunkt-sport- zhaw-gesundheit.pdf
  2. Bulley, C., Donaghy, M., Coppoolse, R., Bizzini, M., van Cingel, R., DeCarlo, M., Dekker, L., Grant, M., Meeusen, R., Phillips, N., & Risberg, M. (2005) Sports Physiotherapy Competencies and Standards. Sports Physiotherapy For All Project. [online] URL: http://www.SportsPhysiotherapyForAll.org/publications26.
  3. Shrier:I., Validating the three-step return-to-play decision model, Scand J Med Sci Sports 2015: 25: e231–e239, doi: 10.1111/sms.12306
  4. Bant et al, H. Sportphysiotherapie, 2. Auflage, 2018, Thieme Verlag, ISBN978-3-13-242434-0
  5. A. van Duijn, Rehaplanung beim sportlichen Patienten, Sportphysio 2019; 07(03): 114-123. DOI: 10.1055/a-0914-4088, Georg Thieme Verlag
  6. Glazer, D.D, Development and Preliminary Validation of the Injury- Psychological Readiness to Return to Sport (I-PRRS)Scale, Journal of Athletic Training2009;44(2):185–189gby the National Athletic Trainers’ Association, Incwww.nata.org/jat

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