Editorial

published online on 02.02.2018
https://doi.org/10.34045/SSEM/2018/34

Editorial 3-2018

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«Exercise is Medicine»

Liebe Kolleginnen und Kollegen

Das American College of Sports Medicine hat vor einigen Jahren mit dem twitterfähigen Slogan «Exercise is Medicine®» eine globale Gesundheitsinitiative lanciert. Zahlreiche Studien versprechen einen Nutzen von Sport und Bewegung für die Lebensqualität und zur Prävention und Behandlung von Erkrankungen. Der kurze und prägnante Satz sollte Ärztinnen und Ärzte motivieren, Sport und Bewegung als kostengünstige «magic bullet» zu verschreiben, ähnlich einem Medikament. Die anfängliche Euphorie ist der Erkenntnis gewichen, dass es schwierig ist, Studienergebnisse in die tägliche Praxis zu übertragen. Beobachtungsstudien, die eine Assoziation zwischen hoher körperlicher Aktivität und niedriger Morbidität und Mortalität zeigen, beweisen nicht den kausalen Zusammenhang. Insbesondere bewegungsarme Risikogruppen lassen sich schwer zu einem langfristig bewegungsfreudigen Lebensstil motivieren. Randomisierte und kontrollierte Studien zeigen häufig neutrale oder weniger eindrucksvolle Ergebnisse.
Trotzdem ist der Slogan keine «fake news». Die Erklärung für nicht erfüllte Erwartungen ist allerdings länger als ein Twitter-Post. Sport- und Bewegungsempfehlungen müssen biopsychosoziale Aspekte berücksichtigen. Traditionelle «one-size-fits-all»-Konzepte werden häufig den Bedürfnissen und Fähigkeiten der Menschen nicht gerecht und verhindern eine längerfristige Umsetzung. Eine mögliche Lösung liegt in der Multidisziplinarität und Interprofessionalität. Sie birgt eine Chance für die Sportmedizin, die traditionell einen Leistungsauftrag im Spitzensport hat. Viele Sportmedizinerinnen und -mediziner betreuen daneben aber auch Patientinnen und Patienten in unterschiedlichen Fachdisziplinen. Sie können damit ihr sportspezifisches Fachwissen auch für die Prävention und Behandlung von Erkrankungen nutzen.
Die Schweizerische Gesellschaft für Sportmedizin möchte ihr Potential in der Bewegungsmedizin besser ausnützen und hat eine entsprechende Arbeitsgruppe gegründet. Der neue Name unserer Zeitschrift weist bereits in diese Richtung. Die Bewegungsmedizin wird ein Schwerpunkt am Jahreskongress im Herbst 2019 sein. Die vorliegende Ausgabe ist der erste Teil einer Reihe zur Bewegungsmedizin. Ich habe mich gefreut, sie zusammen mit Boris Gojanovic editieren zu dürfen. Sie enthält mehrere Artikel, die wir in einem Themenschwerpunkt «Sport und Bewegung für alle» für die Zeitschrift Praxis editieren konnten (Praxis 2018;107(17-18):935-976).
Alberto Marcacci zeigt aus der Perspektive des Bundesamtes für Gesundheit, wie Bewegung als Therapie nichtübertragbarer Erkrankungen (NCD) nachhaltig in der Gesundheitsversorgung zu verankern ist. Boris Gojanovic sieht in der Bewegung eine Chance für die Gesundheit von Nationen und zeigt die Pläne der International Society for Physical Activity and Health (ISPAH) und World Health Organisation (WHO). Die Artikel von Stephanie Beuchat-Mamie und Kollegen, Andreas Melmer und Kollegen, Christian Schmied und Matthias Wilhelm beleuchten den Stellenwert von körperlicher Aktivität, Bewegungstherapie und Sport bei Krebserkrankungen, Übergewicht und Diabetes, koronarer Herzerkrankung und Herzinsuffizienz. Der Artikel von Julia Schmid und Kollege zeigt auf, dass Bewegungsemfehlungen unterschiedliche Bewegungstypen und psychologische Faktoren berücksichtigen müssen, um langfristig umgesetzt zu werden.
In einem «Letter to the Editor» thematisiert Cyril Besson die Problematik von gesponserten Gesundheitsinitiativen an sportlichen Grossanlässen. Benjamin Holfelder und Felix Becker diskutieren den Stellenwert des Atemmangeltrainings in einer systematischen Übersichtsarbeit.
Ich hoffe, Sie haben Spass an der Lektüre! Ich würde mich freuen, wenn wir in den kommenden Jahren die Bewegungsmedizin in der Schweiz gemeinsam voranbringen würden. Um twitterfähig zu schliessen – «Yes, we can!».

Korrespondenzadresse

Prof. Dr. med. Matthias Wilhelm
Universitätsklinik für Kardiologie
Interdisziplinäres Zentrum
für Sportmedizin
Inselspital, Universitätsspital Bern
CH 3010 Bern
0041 31 632 8986
matthias.wilhelm@insel.ch
www.kardiologie.insel.ch
www.sportmedizin.insel.ch

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